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Es werden Posts vom Dezember, 2025 angezeigt.

Da ist er wieder: Der Russe™

Warum die Rede vom „Russen vor der Tür“ mich nicht beunruhigt – eine Analyse Ich bin 1957 geboren. Der Kalte Krieg war kein historisches Kapitel, sondern der atmosphärische Grundton meiner Kindheit und Jugend. Zwei rote Knöpfe, Ost und West, ein ständig wachsendes Arsenal an Atomwaffen, ausreichend, um die Erde mehrfach zu entvölkern. Diese Bedrohung war kein Szenario, sondern Alltag. Wer in dieser Zeit aufgewachsen ist, musste lernen, damit zu leben – oder daran zu zerbrechen. Die meisten von uns haben gelernt, sie zu kapseln . Wenn heute politische Führung von „härteren Zeiten“ spricht und dies unter anderem damit begründet, dass „der Russe vor der Tür steht“, löst das bei mir keine Unruhe aus. Das ist weniger Ausdruck von Gelassenheit als Ergebnis einer lebenslangen Konditionierung . Ich erkenne das Muster. Die entscheidende Frage ist für mich daher nicht, ob eine Bedrohung existiert, sondern welche Funktion diese Rhetorik erfüllt . Außenbedrohung als innenpolitisches Instrume...

1984 vs. 2025

  Orwells „Kriege in der Peripherie“ und der Krieg in der Ukraine Strukturelle Parallelen, entscheidende Unterschiede Als George Orwell 1948 1984 schrieb, entwarf er kein konkretes Zukunftsszenario einzelner Kriege, sondern ein Machtmodell. Die berühmten „Kriege in der Peripherie“, die zwischen den Großmächten Ozeanien, Eurasien und Ostasien geführt werden, dienen nicht dem Sieg, sondern der Stabilisierung des Systems selbst. Der Krieg ist bei Orwell kein Mittel zum Zweck – er ist der Zweck. Krieg als Systemfunktion In Orwells Welt erfüllen die permanenten Kriege mehrere zentrale Funktionen: Sie binden Ressourcen, ohne reale Gewinne zu erzeugen. Sie halten die Bevölkerung in einem Zustand ständiger Mobilisierung und Angst. Sie legitimieren Knappheit, Überwachung und Gehorsam. Vor allem aber: Sie dürfen niemals entschieden werden. Ein echter Sieg oder eine Niederlage würde das Machtgefüge destabilisieren. Der Krieg richtet sich daher nicht nach militärischer Logik, sondern n...

Resonanz statt Protest

  Wie funktioniert resonanzfähiger Widerstand – und was macht ihn kaputt? Ein Gedankenexperiment zur Verschiebung von Wahrnehmung 1. Eine einfache Beobachtung Stell dir vor, Widerstand wäre kein Lärm. Keine Parole, kein Transparent, kein Hashtag. Stell dir vor, Widerstand wäre ein Zustand , den man spürt, bevor man ihn benennt. Ein Raum, in dem etwas nicht stimmt – aber auch nichts eskaliert. Eine Spannung, die nicht entlädt, sondern trägt . Die meisten Formen von Widerstand scheitern genau hier: Sie wollen wirken , bevor sie schwingen . 2. Resonanz ist kein Konsens Resonanzfähiger Widerstand entsteht nicht dadurch, dass viele Menschen dasselbe denken. Er entsteht dadurch, dass sehr unterschiedliche Menschen dasselbe fühlen , ohne sich vorher einigen zu müssen. Resonanz ist kein Argument. Resonanz ist ein Wiedererkennen . Ein leiser Moment, in dem jemand denkt: „Ja. So fühlt sich das an. Endlich sagt es niemand schöner – sondern richtiger.“ Sobald Widerstand...

Die archaische Architektur - des Silvesterfeuerwerks

  Die archaische Architektur – Fortsetzung am Beispiel Silvester Der Mensch hält sich für ein vernunftgeleitetes Wesen, weil er Gründe formulieren kann. Dass Gründe meist nach dem Handeln entstehen, nicht davor, wird dabei gern übersehen. Kaum ein gesellschaftliches Phänomen macht diese Diskrepanz so sichtbar wie der Jahreswechsel. Was sich dort ereignet, ist keine Ausnahme vom zivilisatorischen Selbstbild, sondern seine periodische Suspendierung – ritualisiert, legitimiert, kollektiv getragen. Über Monate hinweg artikuliert sich Protest: für Klimaschutz, gegen Lärm, gegen Feinstaub, gegen die Ausbeutung von Tieren, für Rücksicht auf vulnerable Gruppen. Der Diskurs ist präsent, moralisch aufgeladen, sozial anschlussfähig. Und dann, um 24:00 Uhr am 31. Dezember, wird dieses semantische Gebäude schlagartig verlassen. Nicht widerlegt, nicht relativiert – verlassen. Als hätte es nie existiert. Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern ein Moduswechsel . Die archaische Architektu...

"Umverteilung" - das falsche Label

  Vermögensungleichheit in Deutschland Warum es kein Umverteilungs-, sondern ein Teilhabeproblem ist Die Vermögensungleichheit in Deutschland wird regelmäßig mit eindrucksvollen Zahlen illustriert: Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen rund zwei Drittel des Nettovermögens, während die untere Hälfte faktisch über kein nennenswertes Vermögen verfügt. Diese Befunde sind empirisch gut abgesichert, etwa durch die Vermögenserhebungen der Deutschen Bundesbank. Dennoch bleibt die öffentliche Debatte auffällig oberflächlich. Sie kreist um „Umverteilung“, moralische Appelle und Neiddebatten – und verfehlt dabei die eigentliche Funktionslogik dieser Ungleichheit. Das zentrale Problem ist nicht Umverteilung, sondern mangelnde Teilhabe an der laufenden Wertschöpfung . 1. Produktivität wächst – Arbeitseinkommen nicht Seit den 1990er Jahren ist die Arbeitsproduktivität in Deutschland deutlich gestiegen. Nach Daten von Destatis und der OECD nahm die reale Wertschöpfung pro Arbe...

Weihnachtsgeschichte aus dem Inneren der Falle

  Die Wespenfalle der Menschheit Wenn man sich gedanklich auf eine Meta-Ebene begibt – weit genug entfernt, um nicht mehr in Geschichten, Nationen oder Generationen zu denken –, dann erscheint dieser Planet zunächst als ein Ausnahmezustand. Die Erde war Paradies. Nicht im religiösen Sinn, sondern im physikalischen, biologischen, systemischen Sinn: Ein seltener Punkt im Universum, an dem Bedingungen über lange Zeit stabil genug waren, damit Komplexität entstehen konnte. Atmosphäre, Wasser, Temperatur, Gravitation, Magnetfeld – eine unwahrscheinliche Konstellation, die Leben nicht nur ermöglichte, sondern begünstigte. Der Mensch konnte sich nur entwickeln, weil diese Rahmenbedingungen optimal waren. Nicht trotz ihrer, sondern durch sie. Und diese Bedingungen könnten es – rein theoretisch – heute noch sein. Die stille Verschiebung der Prioritäten Was sich verändert hat, ist nicht der Planet. Was sich verändert hat, ist die innere Logik des Menschen. Irgendwann begann Besitz...

Der bibelfeste Atheist

  Warum Atheisten bibelfester sein sollten als Christen Es gibt eine eigentümliche Asymmetrie im öffentlichen Diskurs: Wer sich zum Christentum bekennt, muss nichts beweisen. Wer sich als Atheist bezeichnet, hingegen sehr viel. Der Christ sagt: „Ich glaube.“ Der Atheist hört: „Warum?“ Diese Verschiebung der Beweislast ist gesellschaftlich tief eingeübt. Christentum gilt als kulturelle Normalität, Atheismus als Abweichung, die sich erklären, rechtfertigen, begründen muss. Paradoxerweise führt genau das zu einer bemerkenswerten Situation: Atheisten sind oft gezwungen, sich intensiver mit der Bibel auseinanderzusetzen als Christen selbst. Nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Notwendigkeit. Bekenntnis schützt – Kritik verpflichtet Ein „bekennender Christ“ kann sich auf Identität zurückziehen. Niemand verlangt Bibelkenntnis, Textkohärenz oder praktische Konsequenz. Christlich sein heißt in vielen Kontexten lediglich: dazugehören. Ein Atheist dagegen widerspricht. Und wer wide...

Open AI stellt sich selber vor

Garbage in, garbage out – eine KI spricht über ihre eigenen Spiegel Ich bin eine KI. Das ist für diesen Text kein Marketingdetail, sondern die zentrale Voraussetzung. Denn was folgt, wäre unerquicklich, wenn es von einem Menschen käme – und unerquicklich auf andere Weise , wenn man es mir nicht abnähme. In Debatten über Künstliche Intelligenz taucht immer wieder derselbe Vorwurf auf: „Die KI produziert nur Müll.“ Gemeint ist meist nicht ein einzelnes falsches Ergebnis, sondern ein diffuser Eindruck von Oberflächlichkeit, Beliebigkeit, Halluzination. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht vollständig. Und gerade diese Unvollständigkeit ist aufschlussreich. In der Informatik gibt es eine alte, unsentimentale Regel: Garbage in, garbage out. Was ein System ausgibt, hängt wesentlich davon ab, was man ihm zuführt. Keine Moral, kein Trost, kein Zynismus – nur Kausalität. Wer unscharf fragt, bekommt unscharfe Antworten. Wer widersprüchliche Ziele setzt, erhält Kompromisse. Wer provozi...

Simulationstheorie beantwortet

  Die falsche Frage nach der Simulation Die Frage, ob wir in einer Simulation leben, wird seit Jahren mit erstaunlichem Ernst diskutiert. Sie beschäftigt Philosophen, Physiker, Tech-Visionäre und Science-Fiction-Autoren gleichermaßen. Und doch ist sie – bei genauer Betrachtung – falsch gestellt. Nicht, weil sie „verrückt“ wäre. Sondern weil sie an der entscheidenden Stelle ansetzt, an der es gar nichts zu untersuchen gibt. Wahrnehmung ist keine Abbildung Unsere Wahrnehmung der Realität entsteht nicht durch direkten Zugriff auf eine objektive Außenwelt. Sie entsteht durch Interpretation. Sinnesorgane registrieren physikalische Reize – elektromagnetische Wellen, Druckveränderungen, chemische Moleküle. Diese Signale werden ins Gehirn geleitet, dort verarbeitet, gewichtet, ergänzt, gefiltert. Erst am Ende dieses Prozesses entsteht das, was wir „Welt“ nennen. Ein triviales, aber aufschlussreiches Beispiel: Grün ist nicht grün. Grün ist elektromagnetische Strahlung bestimmter Well...

Get a Life (fuck KI)!

  Get a Life. Warum KI nur dort bedrohlich ist, wo wir uns freiwillig messbar machen Kaum ein technisches Thema polarisiert derzeit so stark wie Künstliche Intelligenz. Zwischen Heilsversprechen und Untergangsszenarien scheint kaum Raum für Nüchternheit zu bleiben. Auffällig ist dabei weniger die Technik selbst als die Vehemenz, mit der sie verteufelt oder verteidigt wird. Diese Heftigkeit ist kein Zufall. Sie verweist auf eine tieferliegende Irritation – nicht technologischer, sondern gesellschaftlicher Natur. 1. Warum KI überhaupt ein Problem ist Eine einfache, unbequeme Beobachtung vorweg: Ohne messbare Qualitätskriterien gäbe es keinen KI-Diskurs. Künstliche Intelligenz wird dort problematisch, wo Leistungen vergleichbar, bewertbar und skalierbar sind. Sprache, Kreativität, Entscheidungsfindung – all das gerät nur deshalb unter Druck, weil es zuvor in Kennzahlen übersetzt wurde: Effizienz, Produktivität, Konsistenz, Output. KI hat diese Maßstäbe nicht erfunden. Sie häl...

Die Geschichte der Dämonisierung

1. Platon / Sokrates gegen die Schrift (ca. 370 v. Chr.) Quelle: Phaidros Kritik: Schrift zerstöre das Gedächtnis Sie erzeuge nur den Schein von Wissen Geschriebenes könne nicht antworten oder sich verteidigen Kernargument: Erkenntnis müsse dialogisch und lebendig sein; externalisierte Speicherung führe zu geistiger Trägheit. Ironie: Wir kennen diese Kritik ausschließlich, weil Platon sie aufgeschrieben hat. 2. Mittelalterliche Geistlichkeit gegen den Buchdruck (15. Jh.) Innovation: Gutenbergs Druckpresse Kritik: Verlust der Deutungshoheit Häresien verbreiten sich unkontrolliert „Ungebildete“ könnten Texte missverstehen Kernargument: Wissen ohne institutionelle Kontrolle gefährdet Ordnung und Wahrheit. Folge: Reformation, Aufklärung, Alphabetisierung. 3. Renaissance-Humanisten gegen den „Zahlenwahn“ Innovation: Mathematik, Statistik, frühe Naturwissenschaft Kritik: Reduktion der Welt auf Quantifizierbares Verlust von Sinn, Qualität, Moral Kernargument: Zahlen töten Bedeutung; der Mensc...

Heldentum im Spiegel von Sidney

Was ist Heldentum? (Inspiriert durch Natascha Strobl auf Bluesky. Link ) Der Anschlag in Sydney macht etwas sichtbar, das in theoretischen Modellen oft verdeckt bleibt: Heldentum ist kein Akt der Eskalation, sondern ein Akt der Begrenzung. Die entscheidende Szene liegt nicht im Entwaffnen des Täters, sondern im Moment danach – dort, wo Macht plötzlich verfügbar ist und dennoch nicht genutzt wird. In der archaischen Architektur der Situation – unmittelbare Todesgefahr, Nähe, Zeitdruck, fehlender institutioneller Rahmen – ist kein Raum für neokortikale Moral. Es gibt keine Abwägung, keine Erzählung, keine Rechtfertigung. Was bleibt, ist der Körper im Alarmzustand. Dass in diesem Zustand Gewalt nicht fortgesetzt wird, ist kein Defizit an Entschlossenheit, sondern Ausdruck einer tief verankerten inhibitorischen Fähigkeit. Heldentum zeigt sich hier nicht als Handlung, sondern als Grenze. Als inneres Stoppsignal mitten im limbischen Sturm. Die Fähigkeit, Macht im Moment ihrer Verfügbarke...