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Besuch bei der Schwester

  Besuch bei der Schwester Marion ist meine „kleine“ Schwester. „Klein“ allerdings nur biologisch. Inzwischen ist sie Anfang sechzig, trägt eine Lesebrille an einer Kette um den Hals und besitzt jene unerschütterliche Autorität ostfriesischer Frauen, die selbst ausgewachsene Orkane dazu bringt, höflich vorher anzuklopfen. In den Siebzigern war sie der Liebe wegen nach Ostfriesland ausgewandert. Damals mit wallendem Haar, Schlaghose und einem Mann namens Hinnerk, der angeblich „ganz süß Akkordeon spielte“. Die Ehe hielt nicht. Das Akkordeon leider schon. Seit über zehn Jahren lebt sie nun allein in einem kleinen Haus irgendwo zwischen Deich, Wind und Kühen mit psychologischer Zusatzausbildung. Und sie liebt es. Da wir früher zusammen aufgewachsen waren, wusste Marion natürlich von meiner Affinität zu weiblich konnotierter Kleidung. Sie war gewissermaßen meine erste Dealerin. Wenn unsere Mutter früher Kleidung aussortierte, lief das oft nach einem bestimmten Ritual ab. „Das...
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Schmerzhafter Erfolg

 Hans wachte im Krankenhaus auf. Ein dicker Verband quer über der Nase. Offenbar hatte seine Nase eine sehr persönliche Meinungsverschiedenheit mit einer Faust geführt – und verloren. Trotzdem grinste Hans. Nicht äußerlich. Das tat zu weh. Aber innerlich feierte er gerade eine kleine Privatparty. Wie verrückt muss man sein, eine Körperverletzung als Erfolg zu verbuchen? Nun ja. Wenn man die Vorgeschichte kennt, vielleicht gar nicht so verrückt. Hans trug gerne Rock. Nicht aus ideologischen Gründen. Nicht weil er „eigentlich eine Frau“ sein wollte. Nicht aus Protest gegen das Patriarchat. Er mochte einfach Röcke. Punkt. Vor allem die unauffälligen Modelle. Gerade Schnitte. Gedeckte Farben. Keine Spitze, keine Rüschen, kein „Yas Queen“. Eher die Sorte Stoff, bei der Menschen zweimal hingucken mussten und dann unsicher wurden, ob das jetzt Mode, Schottland oder ein Betriebsunfall bei C&A war. Sein neuester Schatz war ein schwarz-weiß karierter Midirock bis knapp unters Kn...

Immanenz, Bedeutung und der denkende Dialog mit einer Maschine

  Immanenz, Bedeutung und der denkende Dialog mit einer Maschine Es beginnt mit einer scheinbar einfachen Beobachtung: Sprache ist ein Modell der Wirklichkeit. Sie bildet nicht die Welt ab, sondern strukturiert sie – selektiv, perspektivisch, kulturell geprägt. Wer spricht, greift bereits auf ein abstrahiertes System zurück. Wenn man diesen Gedanken weiterführt, landet man fast zwangsläufig bei einer irritierenden Konsequenz: Ein Sprachmodell ist dann kein Modell der Welt, sondern ein Modell eines Modells – genauer gesagt: ein System, das die Muster erlernt hat, mit denen Menschen ihre Welt beschreiben. Und plötzlich verschiebt sich der Fokus. Bedeutung: kein Inhalt, sondern ein Ereignis Die klassische Frage „Was ist Bedeutung?“ lässt sich nicht mehr zufriedenstellend mit Semantik beantworten. Worte tragen keine Bedeutung wie Behälter ihren Inhalt. Bedeutung entsteht nicht im Wort. Und auch nicht allein im Kopf des Lesenden. Sie entsteht im Vollzug. Wenn ein Text gelesen wird, pass...

Kleine Lösungen

Kleine Lösungen (fast) alltägliche Geschichten von Rolf Eustergerling Die erste Geschichte ist eine essayistische Zusammenfassung des  Theaterstücks „Martina“ das bei der Theaterbörse erhältlich ist. Martina Prolog – Das leere Sofa  Das Sofa war das Einzige, was geblieben war.  Ein graues, müdes Möbelstück, das so aussah, als hätte es selbst eine Krise hinter sich. Wenn Hans Marten darauf saß, senkte sich die linke Seite  tiefer, als es der Statik guttat, und man hatte den Eindruck, als nicke das  Sofa ihm teilnahmsvoll zu. Zwei Arbeitslose, die einander verstanden.  Auf dem Couchtisch lag ein Brief. Absender: das Gloria Theater. Absender der letzten Hoffnung.  Hans starrte ihn an, als wäre darin ein Zauber verborgen, der sein Leben  wieder aufrichten könnte. Doch was immer in diesem Umschlag lag – es  war kein Wunder, sondern Verwaltung.  „ Lieber Hans, sicher hast du mitbekommen, dass das Glori...