Die dritte Erfindung Lange Zeit habe ich die Ansicht vertreten, dass der Mensch eigentlich nur zwei Dinge wirklich erfunden hat: Geld und Religion. Alles andere, was wir als „Erfindungen“ bezeichnen, erschien mir eher als Anwendung von Naturgesetzen, die ohnehin schon existierten. Das Feuer war schon da. Elektrizität war schon da. Schwerkraft, Magnetismus, Chemie, Licht, Hebelgesetze – alles vorhanden, lange bevor der Mensch auftauchte. Wir haben sie nicht erschaffen, sondern entdeckt und genutzt. Geld hingegen existiert nur, weil Menschen daran glauben. Religion ebenfalls. Beide würden mit dem Verschwinden der Menschheit spurlos verschwinden. Heute traf mich jedoch eine Erkenntnis wie ein Bus. Ich hatte eine dritte Erfindung übersehen. Die Sprache. Nicht die rudimentären Signale der Tierwelt. Nicht Warnrufe, Balzlaute oder Duftspuren. Kommunikation gibt es in der Natur überall. Wale singen, Vögel rufen, Ameisen hinterlassen chemische Nachrichten, Bienen tanzen ihren Artge...
Besuch bei der Schwester Marion ist meine „kleine“ Schwester. „Klein“ allerdings nur biologisch. Inzwischen ist sie Anfang sechzig, trägt eine Lesebrille an einer Kette um den Hals und besitzt jene unerschütterliche Autorität ostfriesischer Frauen, die selbst ausgewachsene Orkane dazu bringt, höflich vorher anzuklopfen. In den Siebzigern war sie der Liebe wegen nach Ostfriesland ausgewandert. Damals mit wallendem Haar, Schlaghose und einem Mann namens Hinnerk, der angeblich „ganz süß Akkordeon spielte“. Die Ehe hielt nicht. Das Akkordeon leider schon. Seit über zehn Jahren lebt sie nun allein in einem kleinen Haus irgendwo zwischen Deich, Wind und Kühen mit psychologischer Zusatzausbildung. Und sie liebt es. Da wir früher zusammen aufgewachsen waren, wusste Marion natürlich von meiner Affinität zu weiblich konnotierter Kleidung. Sie war gewissermaßen meine erste Dealerin. Wenn unsere Mutter früher Kleidung aussortierte, lief das oft nach einem bestimmten Ritual ab. „Das...