Warum die Rede vom „Russen vor der Tür“ mich nicht beunruhigt – eine Analyse
Ich bin 1957 geboren. Der Kalte Krieg war kein historisches Kapitel, sondern der atmosphärische Grundton meiner Kindheit und Jugend. Zwei rote Knöpfe, Ost und West, ein ständig wachsendes Arsenal an Atomwaffen, ausreichend, um die Erde mehrfach zu entvölkern. Diese Bedrohung war kein Szenario, sondern Alltag. Wer in dieser Zeit aufgewachsen ist, musste lernen, damit zu leben – oder daran zu zerbrechen. Die meisten von uns haben gelernt, sie zu kapseln.
Wenn heute politische Führung von „härteren Zeiten“ spricht und dies unter anderem damit begründet, dass „der Russe vor der Tür steht“, löst das bei mir keine Unruhe aus. Das ist weniger Ausdruck von Gelassenheit als Ergebnis einer lebenslangen Konditionierung. Ich erkenne das Muster.
Die entscheidende Frage ist für mich daher nicht, ob eine Bedrohung existiert, sondern welche Funktion diese Rhetorik erfüllt.
Außenbedrohung als innenpolitisches Instrument
Analytisch betrachtet dient der Verweis auf eine äußere Gefahr primär einem innenpolitischen Ordnungsziel. Er ist weniger sicherheitspolitische Diagnose als kommunikative Ressource.
Ein externer Gegner erfüllt dabei mehrere klassische Funktionen:
1. Legitimation von Zumutungen
„Härtere Zeiten“ bedeuten Verzicht, Einschnitte, Prioritätenverschiebungen. Wird dies mit einer äußeren Bedrohung begründet, erscheinen diese Zumutungen nicht als politische Entscheidung, sondern als sachliche Notwendigkeit. Verantwortung wird externalisiert: Nicht die Politik verlangt Opfer – „die Lage“ tut es.
2. Vereinfachung komplexer Ursachen
Strukturelle Probleme wie wirtschaftliche Stagnation, demografischer Wandel, Investitionsdefizite oder politische Versäumnisse sind schwer vermittelbar. Ein personalisiertes Feindbild ist narrativ effizient. „Der Russe“ ist historisch vorgeprägt, emotional anschlussfähig und kommunikativ wirksam – gerade in Deutschland.
3. Disziplinierung der Debatte
Externe Bedrohung erzeugt Loyalitätsdruck. Widerspruch gerät schnell in den Verdacht der Verantwortungslosigkeit. Differenzierung wird schwieriger, Ambivalenz unerwünscht. Das schließt die Reihen, reduziert aber auch den Raum für offene Diskussion.
4. Zeitgewinn für die Regierung
Der implizite Ausnahmezustand erlaubt verkürzte Entscheidungsprozesse, Priorisierung ohne umfassende Begründung und Aufschub unbequemer Debatten. Nicht als autoritäre Technik, sondern als Entlastungsmechanismus politischer Steuerung.
Warum dieses Narrativ – und warum jetzt?
Deutschland steht vor tiefgreifenden Herausforderungen: ökonomisch, sozial, infrastrukturell. „Härtere Zeiten“ sind realistisch kaum zu vermeiden. Politisch stellt sich jedoch die Frage der Erklärung.
Es gibt drei Möglichkeiten:
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Selbstkritik und Eingeständnis politischer Versäumnisse (politisch riskant),
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abstrakte systemische Zwänge (kommunikativ schwach),
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oder die Verknüpfung mit einer äußeren Bedrohung (mobilisierend und entlastend).
Letzteres ist politisch die wirksamste Option – unabhängig von ihrer analytischen Genauigkeit.
Will die Politik Angst erzeugen?
Ich glaube nicht. Angst ist politisch gefährlich: Sie untergräbt Vertrauen, fördert Radikalisierung und entzieht sich der Kontrolle. Ziel ist eher ein kontrollierter Ernst – ein Bedrohungsrahmen, der Disziplin legitimiert, ohne Panik auszulösen. Das ist eine schmale Gratwanderung und historisch alles andere als stabil.
Meine Gelassenheit als Erfahrung, nicht als Verdrängung
Dass mich diese Rhetorik emotional kaum erreicht, liegt nicht an Unempfindlichkeit. Ich erkenne die semantischen Bausteine, die Appelle, die Dramaturgie. Für mich ist das kein neues Alarmzeichen, sondern ein Déjà-vu.
Meine Generation kennt die ultimative Konsequenz dieser Logik. Damals war klar: Wenn Abschreckung versagt, ist alles vorbei. Heute wird Bedrohung häufiger beschworen, aber seltener zu Ende gedacht.
Die unbequeme Schlussfolgerung
Die Aussage „der Russe steht vor der Tür“ sagt weniger über Russland aus als über den Zustand politischer Zukunftsfähigkeit im Inneren. Sie verweist auf das Fehlen eines überzeugenden positiven Entwurfs – und ersetzt Gestaltung durch Abwehr.
Das bedeutet nicht, dass es keine realen sicherheitspolitischen Risiken gibt. Aber es bedeutet, dass ihre kommunikative Nutzung einem anderen Zweck dient als ihrer nüchternen Analyse.
Meine Ruhe ist daher kein Zeichen von Naivität. Sie ist das Ergebnis historischer Nähe – und eines langen Trainings darin, Bedrohung als Möglichkeitsraum zu erkennen, nicht als unmittelbares Ereignis.
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