Die dritte Erfindung
Lange Zeit habe ich die Ansicht vertreten, dass der Mensch eigentlich nur zwei Dinge wirklich erfunden hat: Geld und Religion.
Alles andere, was wir als „Erfindungen“ bezeichnen, erschien mir eher als Anwendung von Naturgesetzen, die ohnehin schon existierten. Das Feuer war schon da. Elektrizität war schon da. Schwerkraft, Magnetismus, Chemie, Licht, Hebelgesetze – alles vorhanden, lange bevor der Mensch auftauchte. Wir haben sie nicht erschaffen, sondern entdeckt und genutzt.
Geld hingegen existiert nur, weil Menschen daran glauben. Religion ebenfalls. Beide würden mit dem Verschwinden der Menschheit spurlos verschwinden.
Heute traf mich jedoch eine Erkenntnis wie ein Bus.
Ich hatte eine dritte Erfindung übersehen.
Die Sprache.
Nicht die rudimentären Signale der Tierwelt. Nicht Warnrufe, Balzlaute oder Duftspuren. Kommunikation gibt es in der Natur überall. Wale singen, Vögel rufen, Ameisen hinterlassen chemische Nachrichten, Bienen tanzen ihren Artgenossen den Weg zur nächsten Nahrungsquelle vor.
Aber all das ist etwas anderes als das, was wir gerade tun.
Menschen können über Dinge sprechen, die nicht anwesend sind. Über Vergangenes. Über Zukünftiges. Über Erfundenes. Über Möglichkeiten. Über Gedanken. Über Gedanken über Gedanken.
Wir können über Drachen diskutieren, die nie existiert haben, über Sterne, die längst erloschen sind, oder über eine Zukunft, die vielleicht niemals eintreten wird.
Dazu kommt eine zweite Ausbaustufe, die noch erstaunlicher ist: die Schrift.
Gesprochene Sprache mag hunderttausende Jahre alt sein. Schrift dagegen existiert erst seit wenigen Jahrtausenden. Die Erde war Millionen Jahre lang voller Leben, ohne dass irgendwo ein Gedicht geschrieben, ein Roman verfasst oder eine Einkaufsliste notiert wurde.
Literatur ist keine Selbstverständlichkeit des Lebens.
Sie ist eine Sonderentwicklung.
Und genau hier begann mein Gedankensprung.
Wenn wir nach außerirdischer Intelligenz suchen, gehen wir fast automatisch davon aus, dass andere Wesen irgendwie „mit uns reden“ müssten. Wir lauschen nach Radiosignalen, Funksprüchen oder codierten Botschaften aus den Tiefen des Alls.
Doch warum eigentlich?
Vielleicht projizieren wir dabei lediglich unsere eigene Besonderheit auf das Universum.
Wir Menschen sind Wesen, die ihre Gedanken in Luftschwingungen verwandeln. Später haben wir gelernt, dieselben Gedanken zusätzlich in schwarze Zeichen auf Papier zu pressen. Heute schicken wir sie als elektrische Impulse durch Glasfaserkabel und Satelliten.
Für uns wirkt das selbstverständlich.
Aber vielleicht ist es das gar nicht.
Vielleicht ist komplexe symbolische Sprache eine seltene Ausnahme. Vielleicht existieren intelligente Lebensformen, die Probleme lösen, Werkzeuge benutzen und ihre Umwelt gestalten können, ohne jemals eine Literatur hervorzubringen. Vielleicht kommunizieren sie chemisch, direkt neuronal oder auf Arten, die wir uns nicht einmal vorstellen können.
Vielleicht gibt es sogar intelligente Spezies, die überhaupt keinen Bedarf haben, Wissen über Generationen hinweg symbolisch zu speichern.
Dann könnte das Universum voller Leben sein, ohne dass irgendwo jemand ein Buch schreibt.
Der berühmte Widerspruch der SETI-Forschung lautet:
Wenn das Universum voller Leben ist, warum hören wir niemanden?
Vielleicht lautet die wichtigere Frage:
Warum nehmen wir an, dass Leben überhaupt etwas aussendet, das man hören kann?
Möglicherweise ist Sprache nicht die unvermeidliche Folge von Intelligenz.
Möglicherweise ist sie nur eine sehr spezielle kulturelle Technik eines einzigen Primaten auf einem kleinen Planeten.
Eine Technik, die so allgegenwärtig geworden ist, dass wir sie für eine Eigenschaft der Realität halten.
Dabei könnte sie lediglich eine von vielen denkbaren Methoden sein, Information zwischen Bewusstseinen zu synchronisieren.
Und vielleicht war die größte menschliche Erfindung nicht das Rad, nicht der Computer und nicht das Internet.
Sondern die Fähigkeit, Gedanken außerhalb des eigenen Kopfes zu speichern.
In Lauten.
In Zeichen.
Und inzwischen sogar in Silizium.
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