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Die Wahl

 Hinweis

Dieser Text ist ein Werk der Fiktion.

Personen, Parteien, Institutionen und Ereignisse sind entweder frei erfunden oder werden in verfremdeter Form dargestellt.

Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen, Parteien oder tatsächlichen Vorgängen dienen ausschließlich der literarischen und gesellschaftlichen Reflexion und stellen keine Tatsachenbehauptungen dar.


März 2027 – Nacht der Wahl

Der Plenarsaal des Bundestages wirkte an diesem Abend größer als sonst.

Nicht weil mehr Menschen da waren – im Gegenteil –, sondern weil die Reihen ausgedünnt waren wie in einem schlecht geheilten Knochen. Zwischen den Abgeordneten klafften Lücken, in denen sonst Gewissheiten gesessen hatten.

Auf den Besuchertribünen murmelte es, gedämpft wie in einer Kirche vor der Beerdigung. Niemand wusste genau, wer hier eigentlich begraben wurde. Vielleicht nur ein Amt. Vielleicht mehr.

Die dritte Wahlrunde stand bevor.

Zwei waren schon gescheitert.

Martin Schlutz hatte in den ersten beiden Durchgängen erstaunlich gut abgeschnitten – besser, als irgendjemand der SPD intern noch zu hoffen gewagt hatte. Es gab Abgeordnete, die ihn nicht einmal mochten, aber für ihn gestimmt hatten, einfach weil er ihnen bekannt vorkam. In einer Zeit, in der nichts mehr bekannt war.

Jörg Meißen hatte konstant geliefert. Zu konstant. Seine Zahlen waren wie ein metronomisches Ticken im Hintergrund der Republik: ein Drittel des Hauses, unbeirrbar, emotionslos, da. Er hatte keine Mehrheit gebraucht, um den Raum zu beherrschen. Es reichte, dass jeder wusste, wofür er stand.

Und Klara Prehn.

Sie hatte in den ersten beiden Runden immer knapp hinter Schlutz gelegen. Nicht weil sie schwach war – sondern weil sie von allen Seiten zugleich misstrauisch beäugt wurde. Für die Linke war sie zu CDU. Für die Union zu liberal. Für die Bürgerliche Freiheitspartei (BFP) eine Provokation in Person.

Eine Frau.

Jüdisch.

Rechtsstaatlich.

Die perfekte Projektionsfläche für alles, was in diesem Land wieder Angst machte.

Im Fraktionssaal der CDU/CSU herrschte eine Atmosphäre wie kurz vor einer riskanten Operation.

Der rechte Flügel war wütend.

Der Arbeitnehmerflügel nervös.

Die Parteiführung erschöpft.

Man wusste: Wenn Prehn heute nicht gewählt wird, dann nicht, weil Meißen zu stark war – sondern weil die Union sich selbst nicht mehr vertraute.

„Wenn wir sie nicht durchbringen“, sagte jemand leise, „dann können wir uns auch gleich selbst auflösen.“

Im Plenum begann der dritte Wahlgang.

Keine absolute Mehrheit mehr nötig.

Nur noch die meisten Stimmen.

Das war der Moment, in dem Demokratien sterben oder überleben – nicht durch Begeisterung, sondern durch Mathematik.

Die Stimmzettel raschelten.

Abgeordnete blickten auf ihre Hände, als könnten sie dort noch eine letzte Ausrede finden.

Schlutz’ Name wirkte wie ein warmer, aber verblassender Schatten.

Meißens Name wie ein kaltes Versprechen.

Prehns wie ein Prüfstein.

Als das Präsidium die Stimmen auszählte, war es totenstill. Nicht die feierliche Stille von Würde – sondern die angespannte Stille eines Systems, das wusste, dass es sich gerade selbst beurteilte.

Dann die Zahlen.

Klara Prehn:

… zwei Stimmen Vorsprung.

Zwei.

Ein Raunen ging durch den Saal, das eher einem Aufatmen als einem Jubel glich. Niemand klatschte sofort. Man hatte nicht gewonnen. Man war nur knapp entkommen.

Prehn stand auf.

Sie lächelte nicht.

Sie wusste: Dies war kein Triumph. Es war ein Mandat unter Vorbehalt.

Jörg Meißen nickte langsam, fast respektvoll.

Martin Schlutz wirkte, als hätte man ihm gerade ein altes Foto aus der Hand genommen.

Und draußen, auf den Straßen Berlins, begannen bereits die ersten Menschen zu diskutieren, ob diese Wahl überhaupt noch etwas bedeutete.

Berlin, dieselbe Nacht

Die Kälte war keine meteorologische.

Sie kam aus dem Boden.

Vor dem Reichstag standen Menschen, die nicht wussten, ob sie demonstrierten oder einfach nur nicht nach Hause gehen wollten. Transparente mischten sich mit Thermoskannen. Einige schrien Parolen, andere starrten auf ihre Telefone, als erwarteten sie dort eine andere Realität.

Gernot Walland hatte die Hände tief in den Taschen seines abgewetzten Mantels vergraben. Er war Mitte fünfzig, zu alt für Wut, zu jung für Resignation. Früher hatte er an politische Prozesse geglaubt. Heute glaubte er nur noch an Druck.

„Zwei Stimmen“, sagte er leise. „Das ist kein Mandat. Das ist ein Unfall.“

Neben ihm stand Marita Reichelt. Ihre Haare waren kurz, ihr Blick scharf, als hätte sie das Warten verlernt. Sie war jünger als Gernot, aber politisch härter. In ihr hatte sich über Jahre etwas verdichtet, das jetzt keinen Namen mehr brauchte.

„Sie haben es wieder geschafft“, sagte sie. „Nicht die BFP zu verhindern. Sondern sie stärker zu machen.“

Gernot nickte.

Er sah hinüber zum hell erleuchteten Reichstagsgebäude, in dem gerade die neue Präsidentin vereidigt wurde.

„Die glauben immer noch, dass Institutionen Leute überzeugen“, sagte er. „Dabei überzeugen inzwischen nur noch Kräfte.“

Ein paar Meter weiter lehnte ein Mann an einer Absperrung. Er sagte nichts.

Er trug keine Parole, kein Zeichen. Nur ein dunkles Basecap. Seine Augen folgten den Gesichtern in der Menge, als würde er etwas zählen, das niemand sonst sah.

Marita bemerkte ihn.

„Der da“, sagte sie. „Der hört zu.“

Gernot folgte ihrem Blick.

„Die meisten hören nicht mehr zu“, sagte er. „Die haben sich längst entschieden.“

Der Mann mit dem Cap hob kurz den Kopf, als hätte er den Satz gehört.

Dann sah er wieder in die Menge.

Ein Sirenenton in der Ferne.

Ein paar erste Sprechchöre.

Eine Polizeiabsperrung, die nähergezogen wurde.

Über dem Platz hing ein Gefühl, das nicht mehr in Wahlkämpfe passte.

Es roch nach etwas anderem. Nach Eskalation.

Marita zog ihre Jacke enger um sich.

„Wenn sie Meißen das nächste Mal nicht mehr knapp verhindern können“, sagte sie, „werden sie sagen, es sei demokratisch.“

Gernot sah sie an.

„Und was werden wir sagen?“

Sie antwortete nicht sofort.

Dann:

„Dass Demokratie mehr ist als auszählen, wer die meiste Angst hat.“

Der Mann mit dem Cap löste sich von der Absperrung und ging langsam an ihnen vorbei.

Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke.

Kein Lächeln.

Keine Drohung.

Nur etwas wie ein stilles Einverständnis.

Schloss Bellevue – dieselbe Nacht

Das Schloss Bellevue lag still wie ein auf Hochglanz polierter Gedanke.

Die Lichter in den hohen Fenstern spiegelten sich in der Spree, als wäre selbst das Wasser bemüht, Ordnung zu simulieren.

Klara Prehn stand allein im Arbeitszimmer der Bundespräsidentin.

Nicht an ihrem neuen Schreibtisch – sie mied ihn instinktiv –, sondern am Fenster.

Von hier aus sah man den Reichstag nicht.

Das war kein Zufall. Bellevue war immer schon so gebaut worden, dass die Macht der Regierung und die Würde des Amtes sich nicht gegenseitig anstarrten.

Auf dem Tisch hinter ihr lagen drei Telefone.

Alle stumm.

Alle voll.

Sie hatte die Wahl gewonnen.

Aber sie hatte kein Mandat erhalten, das sich nach Zukunft anfühlte.

Zwei Stimmen.

In einem anderen Kontext wäre das ein Zufall gewesen.

Hier war es ein Urteil:

Du bist nicht gewollt. Du bist nur nötig.

Sie dachte an Schlutz.

An sein müdes Lächeln, das so sehr darum gebettelt hatte, noch einmal Bedeutung zu haben.

Sie dachte an Meißen.

An diese erschreckende Ruhe, mit der er seine Niederlage akzeptiert hatte. Als hätte er gar nicht verloren.

Das war es, was ihr Angst machte.

Nicht der Radikalismus.

Sondern die Gelassenheit, mit der er inzwischen auftrat.

Ein Mitarbeiter klopfte vorsichtig.

„Frau Bundespräsidentin? Die Sicherheitslage draußen … die Polizei bittet um Freigabe für eine erweiterte Sperrzone.“

Prehn drehte sich um.

„Wie viele?“

„Noch nicht viele. Aber laut Lagezentrum organisiert. Nicht spontan.“

Sie nickte langsam.

„Keine Eskalation. Keine martialischen Bilder. Das ist wichtig.“

Der Mann zögerte.

„Das Innenministerium drängt auf Präsenz.“

„Das Innenministerium“, sagte sie ruhig, „ist heute nicht mein Ressort.“

Er nickte und verschwand.

Prehn setzte sich nun doch an den Schreibtisch.

Sie legte die Hand auf das Holz, als müsste sie sich vergewissern, dass es wirklich existierte.

Dieses Amt war kein Symbol mehr.

Es war eine letzte statische Struktur in einem System, das in Bewegung geraten war.

Ihr Telefon vibrierte.

Eine Nachricht ihres Stabschefs:

BFP-Accounts sprechen bereits von „Systemkandidatin“ und „illegitimer Präsidentin“.

Prehn schloss für einen Moment die Augen.

Sie wusste:

Die eigentliche Wahl hatte nicht heute stattgefunden.

Sie würde in den nächsten zwei Jahren stattfinden.

Auf der Straße.

In den Köpfen.

In der Frage, ob dieses Land noch glaubte, dass Recht stärker ist als Macht.

Und draußen, irgendwo zwischen Absperrgittern und Sprechchören, begannen Menschen, genau diese Frage anders zu beantworten.

Der Morgen danach

Deutschland wachte nicht auf – es wurde geweckt.

Die Push-Nachrichten kamen vor dem Kaffee.

„Historische Wahl: Klara Prehn erste Bundespräsidentin“

„Knappes Ergebnis – tiefe Spaltung“

„BFP spricht von ‚Systemmanöver‘“

Schon die Überschriften widersprachen einander.

Öffentlich-rechtlich

Die Morgensendungen klangen bemüht ruhig, wie ein Arzt, der einem Patienten sagt, er solle sich keine Sorgen machen.

„Ein wichtiger Tag für die Demokratie.“

„Ein Zeichen der Stabilität.“

„Ein klares Bekenntnis zur Verfassung.“

Zwischen den Worten aber lag etwas anderes:

Bitte haltet still.

Die großen Onlineportale

Sie spielten die Dramatik aus, ohne sie zu erklären.

    • „Prehn siegt hauchdünn – BFP stark wie nie“

    • „Schlutz verpasst Comeback“

    • „Meißen: ‚Das Volk wurde übergangen‘“

Jede Überschrift war ein Splitter.

Zusammen ergaben sie kein Bild mehr.

Die BFP-Kanäle

Hier war die Welt plötzlich klar.

„Sie haben euch die Wahl gestohlen.“

„Ein Drittel des Landes – und trotzdem ausgeschlossen.“

„Das System schützt sich selbst.“

Meißen trat am Vormittag vor die Kameras.

Keine Wut. Keine Aggression.

Nur ein staatsmännisches Bedauern.

„Ich gratuliere Frau Prehn“, sagte er. „Aber diese Wahl zeigt, dass Deutschland sich von der Wirklichkeit entfernt.“

Er lächelte dabei.

Das war gefährlicher als jede Parole.

Die Reste der SPD

Martin Schlutz gab ein Interview, das überall zitiert wurde – und nirgends wirkte.

„Ich bin enttäuscht“, sagte er. „Aber wir müssen die demokratischen Institutionen respektieren.“

Respektieren.

Ein Wort aus einer anderen Zeit.

In den Kommentarspalten wurde er verhöhnt, bemitleidet, ignoriert. Die SPD war nicht mehr Gegner. Sie war Vergangenheit.

Die Union

Sie war das eigentliche Schlachtfeld.

Der rechte Flügel sprach von „Notbremse gegen die BFP“.

Der Arbeitnehmerflügel von „letzter Brandmauer“.

Niemand sprach davon, was sie eigentlich wollten.

Nur davon, was sie gerade noch verhindert hatten.


Und während in Talkshows Experten erklärten, warum zwei Stimmen Unterschied immer noch Demokratie seien, saßen Menschen in Küchen, U-Bahnen und Büros und dachten etwas ganz anderes:

Wenn alles so knapp ist – warum fühlt es sich dann so endgültig an?

Das ist der Moment, in dem politische Romane beginnen.

Nicht mit einem Knall.

Sondern mit einem Zweifel.

Berlin, Frühjahr 2027 – Konrad-Adenauer-Haus

Der Sitzungssaal roch nach kaltem Kaffee und altem Teppich.

Die Bildschirme an der Wand zeigten Kurven, die niemand mochte.

30, 31, 32 Prozent.

„Das ist keine Delle“, sagte jemand aus der Parteizentrale. „Das ist ein Plateau.“

Der Vertreter des Arbeitnehmerflügels schüttelte den Kopf.

„Das sind unsere Leute. Industrie, Handwerk, Logistik. Die gehen uns zur BFP, weil wir ihnen nichts mehr sagen, was sich nach Sicherheit anhört.“

Der rechte Flügel lachte trocken.

„Die gehen, weil wir ihnen sagen, sie seien schuldig. An Klima, an Migration, an allem. Die BFP sagt ihnen, sie seien Opfer. Das ist politisch effektiver.“

Die Parteivorsitzende schlug auf den Tisch.

„Wir reden hier über Umfragen. Nicht über Philosophie.“

„Doch“, sagte jemand leise. „Genau darüber reden wir. Die BFP verkauft ein Weltbild. Wir verkaufen Verfahrensfragen.“

Stille.

„Und Klara Prehn?“, fragte ein Abgeordneter.

„Ist im Schloss. Unerreichbar. Institutionell korrekt. Politisch wertlos.“

Niemand widersprach.


Willy-Brandt-Haus

Hier war es leiser.

Nicht, weil man weniger Angst hatte – sondern weil man sie nicht mehr artikulierte.

8,7 Prozent leuchteten auf der Leinwand.

„Das ist statistisches Rauschen“, murmelte jemand.

„Nein“, sagte eine junge Referentin. „Das ist Bedeutungslosigkeit.“

Martin Schlutz saß nicht mehr hier.

Er war wieder auf Lesereise.

Eine Partei ohne Führungsfigur ist kein Akteur mehr, sondern ein Archiv.

„Die Leute glauben uns nicht mehr“, sagte ein alter Gewerkschafter. „Nicht, weil wir lügen. Sondern weil wir nichts mehr riskieren.“

„Was sollen wir denn riskieren?“, fragte jemand bitter.

„Alles“, sagte der Mann. „Oder wir sind tot.“

Aber niemand wusste, wie „alles“ noch aussehen sollte.


Draußen

Die Schlagzeilen redeten von Konjunktur, von Ukraine, von EU-Reformen.

Aber unter der Oberfläche begann etwas anderes zu laufen:

Beamte, die Akten anders bewerteten.

Polizisten, die neue Loyalitäten testeten.

Journalisten, die vorsichtiger formulierten.

Die Demokratie funktionierte noch.

Aber sie tat es wie ein Körper, der schon begonnen hatte, seine Extremitäten nicht mehr richtig zu spüren.

Sommer 2027 – Schleswig-Holstein

Die Hochrechnungen liefen schneller als die Erklärungen.

CDU: 29 %

BFP: 21 %

Linke: 18 %

SPD: 9 %

Im Studio von NDR 1 herrschte für einen Moment Schweigen.

Nicht, weil man das Ergebnis nicht verstanden hätte – sondern weil niemand wusste, wie man darüber sprechen sollte.

18 Prozent für eine Partei, die man längst abgeschrieben hatte, passten in keine Erzählung.

Es war kein Protest gegen Migration.

Es war kein Kulturkampf.

Es war etwas anderes.


Kiel – Staatskanzlei

Daniel Ganter stand vor einer Wand aus Monitoren.

„Das ist ein Erdbeben“, sagte ein Berater. „Aber nicht das, das wir erwartet haben.“

„Die Leute wollten etwas Radikales“, sagte Ganter. „Aber sie sind nicht nach rechts gegangen.“

„Und genau deshalb werden wir jetzt verantwortlich gemacht“, antwortete der Berater.

Die ersten Anrufe kamen schon.

SPD-Landesverband:

„Du hast unser Milieu freigegeben.“

CDU-Bundesvorstand:

„Deine weiche Linie treibt die Leute in die Extreme.“

Rechter Flügel:

„Das ist das Ergebnis deiner Multikulti-Rhetorik.“

Arbeitnehmerflügel:

„Du hast die soziale Frage liegen lassen.“

Niemand fragte, warum die Linke gewonnen hatte.

Alle wollten wissen, wer schuld war.


Bundespolitik – Reaktion

In Berlin begann sofort die Umdeutung.

Die Union erklärte das Ergebnis als „linken Populismus“.

Die BFP sprach von „sozialistischer Unterwanderung“.

Die SPD wusste nicht einmal mehr, ob sie Gegner oder Randnotiz war.

In Wahrheit hatte Schleswig-Holstein etwas sichtbar gemacht, das keiner sehen wollte:

Ein Teil der Bevölkerung suchte keine autoritäre Ordnung,

sondern eine andere Form von Sicherheit.

Aber diese Einsicht war gefährlich.

Denn sie hätte bedeutet, das eigene Politikmodell zu hinterfragen.

Also wurde Ganter zum Problem erklärt.


Klara Prehn im Bellevue

Sie ließ sich die Zahlen vorlegen.

18 Prozent.

Nicht aus Ostdeutschland.

Nicht aus abgehängten Regionen.

Aus dem Norden.

Aus einem der stabilsten Bundesländer.

Sie verstand sofort, was das bedeutete.

Das Land war nicht bipolar.

Es war fragmentiert.

Und fragmentierte Gesellschaften kippen nicht nach rechts oder links.

Sie kippen in Konflikt.

Die Talkshow-Woche

Die Schleswig-Holstein-Wahl wurde nicht analysiert.

Sie wurde verwertet.

Sandra Maisfeld

Daniel Ganter sitzt zwischen einem BFP-Vertreter und einer SPD-Strategin.

Sandra Maisfeld lächelt dieses neutrale Fernseh-Lächeln.

„Herr Ganter, viele sagen: Ihre Politik hat den Raum geöffnet – für Links wie für Rechts. Haben Sie die Kontrolle verloren?“

Das Wort ist gefallen: Kontrolle.

Der BFP-Mann nickt eifrig.

„Die Bürger fühlen sich schutzlos. Und wenn der Ministerpräsident keine Ordnung schafft, suchen sie Alternativen.“

Die SPD-Frau:

„Er hat die soziale Frage ignoriert. Deshalb sind die Menschen zur Linken gegangen.“

Zwei Gegner.

Eine Schuld.

Ganter versucht, von Mieten, Energiepreisen und Pflege zu sprechen.

Niemand hört zu.

Das passt nicht ins Format.


Margit Illner

Hier klingt alles ernster.

„Ist das ein Systemversagen?“, fragt Margit Illner.

Ein Politikwissenschaftler spricht von „Entgrenzung“.

Ein CDU-Hardliner von „linkem Chaos“.

Ein Linken-Vertreter von „verzweifelten Menschen“.

Alle reden übereinander.

Niemand fragt: Warum gerade Schleswig-Holstein?


Markus Lenz

Markus Lenz beugt sich nach vorne.

„Herr Ganter, ganz ehrlich – haben Sie nicht den Kontakt zur Straße verloren?“

Das Studio wird still.

Das Publikum liebt solche Sätze.

Ganter sagt:

„Ich glaube, die Straße hat den Kontakt zur Politik verloren.“

Lenz lächelt nicht.

„Das klingt nach Ausrede.“


Karin Morsga

Hier wird es emotionaler.

„Viele Menschen fühlen sich von der Politik nicht mehr gesehen“, sagt sie. „Tragen Sie dafür Verantwortung?“

Ganter nickt müde.

„Ja“, sagt er. „Aber nicht allein.“

Das wird nicht gesendet.

Gesendet wird ein Schnitt, in dem er sagt:

„Ja.“


Am Ende der Woche

In den Schlagzeilen steht:

„Ganter unter Druck“

„CDU zerstritten“

„Linke und BFP profitieren von Schwäche der Mitte“

Niemand schreibt:

„Menschen suchen wieder nach echter sozialer Sicherheit.“

Weil das bedeuten würde, dass die Krise nicht personell lösbar ist.

Und so wird Daniel Ganter zum Blitzableiter für etwas, das viel größer ist.

Eine Bar nahe der Oranienstraße

Der Ton des Fernsehers war zu laut.

Maisfeld lief gerade. Ganter erklärte sich. Wieder.

Gernot Walland sah nicht auf den Bildschirm. Er sah auf die Gesichter der anderen Gäste. Auf das langsame Nicken. Auf das genervte Wegsehen.

„Sie zerlegen ihn“, sagte er. „Nicht, weil er falsch liegt. Sondern weil er keine einfache Schuld liefert.“

Marita Reichelt nahm einen Schluck Bier.

„Sie brauchen immer einen Körper“, sagte sie. „Einen, auf den man zeigen kann. Dann muss man nichts ändern.“

Auf dem Bildschirm schnitt die Regie von Ganters Antwort auf ein zustimmendes Kopfnicken des BFP-Vertreters.

Das Bild erzählte eine andere Geschichte als das Gespräch.

Hans Brockmeyer saß etwas abseits.

Er hörte auf das, was nicht gesagt wurde.

„Früher“, sagte er langsam, „haben sie Feinde produziert. Heute produzieren sie Nebel.“

„Was ist der Unterschied?“, fragte Marita.

„Im Nebel kannst du nicht sehen, woher die Gefahr kommt“, antwortete er. „Und auch nicht, wohin du gehst.“

Ganter versuchte im Fernsehen, von strukturellen Problemen zu sprechen.

Der Einspieler begann.

Morsga.

Lenz.

Illner.

Immer dieselbe Schleife.

Immer dieselbe Frage: Wer hat versagt?

Nie: Was ist hier eigentlich zerbrochen?

Gernot ballte unbewusst die Hand.

„Wenn sogar die Linke gewinnt und sie machen trotzdem weiter wie immer“, sagte er, „dann ist das kein Irrtum mehr. Das ist eine Maschine.“

Marita nickte.

„Und Maschinen kann man nicht überzeugen.“

Hans sah auf den Bildschirm, auf dem Meißen gerade in einer Einblendung erschien. Ruhig. Staatsmännisch. Bereit.

„Man kann sie nur stoppen“, sagte er.

Keiner widersprach.

Noch nicht.

Herbst 2027 – Niedersachsen

Die Kameras standen in einer Mehrzweckhalle in Uelzen.

Draußen parkten Traktoren. Viele.

Nicht als Protest.

Als Präsenz.

BFP: 38 %

CDU: 24 %

SPD: 8 %

Linke: 6 %

Die Moderatoren sprachen von einem „ostdeutschen Ergebnis im Westen“.

Das klang harmlos.

Es war es nicht.


Warum Niedersachsen kippt

Die BFP hatte etwas begriffen, was den anderen entgangen war:

Nicht Migration war hier der Hebel.

Sondern die Landwirte.

EU-Vorgaben.

Klimaregeln.

Bürokratie.

Höfesterben.

Die BFP war die erste Partei, die ihnen nicht erklärte, warum das alles nötig sei – sondern warum es ungerecht sei.

Und Gerechtigkeit ist politisch stärker als Wahrheit.


Berlin – Panikmodus

Im Adenauer-Haus wechselte die Kurvenfarbe.

Schleswig-Holstein: links.

Niedersachsen: rechts.

Das war kein Pendel mehr.

Das war ein Riss.

„Wir verlieren den Norden“, sagte jemand.

„Nein“, sagte ein anderer. „Wir verlieren die Erzählung.“

Die Parteiführung sprach von „Sondersituationen“.

Der rechte Flügel von „Beweis“.

Der Arbeitnehmerflügel von „sozialer Katastrophe“.

Niemand sprach von der Landwirtschaftspolitik.


Bellevue

Klara Prehn ließ sich einen Bericht kommen.

Zwei Nachbarländer.

Zwei Extreme.

Kein Zentrum.

Sie sah darin, was kaum jemand aussprach:

Deutschland war nicht gespalten.

Es war zerfasert.

Und zerfaserte Gesellschaften sind unregierbar, ohne Gewalt.


In der Bar

Gernot starrte auf die Niedersachsen-Grafik.

„Jetzt haben sie ihr Brandenburg“, sagte er.

Marita verzog den Mund.

„Und niemand fragt, warum ausgerechnet Bauern jetzt autoritär wählen.“

Hans sah aus dem Fenster.

„Weil sie wissen, dass sie geopfert werden“, sagte er. „Und Opfer wählen immer die, die ihnen einen Feind geben.“

Auf dem Fernseher sprach ein BFP-Funktionär von „Rückeroberung des ländlichen Raums“.

Keiner lachte.

Deutschland 2028 – Der Stillstand

Es gab noch Kabinettssitzungen.

Noch Gesetze.

Noch Pressekonferenzen.

Aber niemand glaubte mehr daran, dass sie etwas bewirken.

Im Bundestag wurden Anträge nicht mehr aus Überzeugung eingebracht, sondern als Signale an die eigene Basis. Die CDU blockierte sich zwischen Ordnungspolitik und Sozialversprechen. Die SPD war nur noch eine mathematische Größe. Die Grünen waren Zielscheibe. Die BFP war Referenzpunkt.

Alles drehte sich um sie, ohne dass sie regierte.


Die Springer-Presse

Die Schlagzeilen änderten ihren Ton.

Nicht mehr:

„Demokratie in der Krise“

Sondern:

„Wer führt dieses Land noch?“

„Brauchen wir endlich Durchgreifen?“

„Der Staat muss sich wehren“

Kolumnen sprachen von „Entschlossenheit“.

Von „klarer Kante“.

Von „notwendigen Maßnahmen“.

Nie von Verfassung.

Das Wort starker Mann tauchte erst ironisch auf.

Dann häufiger.

Dann ernst.


Parteien im Bürgerkrieg

In der CDU bildeten sich faktische Fraktionen, die einander öffentlich widersprachen.

In der SPD kämpften die letzten Funktionäre um Listenplätze wie auf einem sinkenden Schiff.

Die Grünen begannen, Sicherheitsfragen zu verdrängen – und verloren dadurch genau die Mitte, die sie hätten halten müssen.

Die BFP musste nichts tun.

Das System zerlegte sich selbst.


Unter der Oberfläche

Während Talkshows noch über Koalitionen spekulierten, hatte die eigentliche Politik längst die Ebene gewechselt.

Telegram-Gruppen.

Discord-Server.

Lokale Netzwerke.

Nicht organisiert.

Aber verbunden.

Und mittendrin:

Gernot Walland.

Marita Reichelt.

Hans Brockmeyer.

Sie nannten es nicht „Organisation“.

Sie nannten es Austausch.

Erst ein paar Dutzend.

Dann ein paar Hundert.

Menschen, die das Gefühl teilten, dass der Rechtsstaat bereits verletzt wurde – nicht von ihnen, sondern von der Gleichgültigkeit der Institutionen.

Keine Waffen.

Noch nicht.

Aber Strategiepapiere.

Sicherheitskonzepte.

Listen von Kontakten.

Und ein Name, der zum ersten Mal in einem Chat auftauchte:

RadikaleAntiFaschisten

Nicht als Drohung.

Als Feststellung.


Klara Prehn

Sie wusste, dass etwas im Untergrund wuchs.

Aber sie wusste auch:

Wenn der Staat sichtbar gegen diffuse Bewegungen vorging, würde er genau das beweisen, was diese Bewegungen behaupteten.

Dass er nicht mehr neutral war.

So blieb sie im Schloss Bellevue.

Als letzte, die noch an Verfahren glaubte.

Während draußen längst begonnen wurde, Geschichte zu schreiben.

Frühjahr 2028 – Das erste Zeichen

Es war kein Anschlag.

Gerade deshalb war es so wirksam.

An einem Dienstagmorgen erschienen in Berlin, Hamburg, Hannover und Kiel gleichzeitig dieselben Plakate.

Schwarz auf weiß.

Ohne Logo.

Ohne Partei.

Nur ein Satz:

„Wenn der Staat den Faschismus toleriert, ist Widerstand kein Verbrechen.“

Darunter klein:

RadikaleAntiFaschisten

Kein Hammer.

Keine Faust.

Kein Stern.

Nur Worte.


Die Medienreaktion

Binnen Stunden war der Begriff überall.

Springer sprach von „linksextremer Drohkulisse“.

Öffentlich-rechtliche Redaktionen von „radikalisierten Netzwerken“.

Die BFP von „Terrorvorbereitung“.

Niemand wusste, wer dahintersteckte.

Aber alle spürten:

Das war nicht nur ein Hashtag.


In einem Coworking-Space in Neukölln

Gernot betrachtete auf seinem Laptop die ersten Erwähnungen.

Tausende.

Marita hatte Tränen in den Augen – nicht aus Freude, sondern aus etwas anderem:

Erleichterung.

„Jetzt sind wir real“, sagte sie. „Jetzt können sie uns nicht mehr ignorieren.“

Hans saß ruhig daneben.

„Und jetzt können sie uns jagen.“

Gernot nickte.

„Beides war unvermeidlich.“

Auf einem zweiten Bildschirm liefen Kommentare.

Endlich sagt es jemand.

Widerstand ist Pflicht.

Passt auf euch auf.

Ihr seid Wahnsinnige.

Alles zugleich.

So entsteht eine Bewegung.

Nicht durch Einigkeit.

Sondern durch Resonanz.


Bellevue

Klara Prehn bekam den Lagebericht.

Sie las den Satz.

Wort für Wort.

Sie wusste:

Das war kein Aufruf zur Gewalt.

Es war schlimmer.

Es war eine Delegitimation.

Und genau das war der Moment, in dem die Republik in eine neue Phase trat.

Die erste Reaktion

Es begann mit einer Pressekonferenz des Bundesinnenministeriums.

Nicht hysterisch.

Nicht panisch.

Nur „klar“.

„Wir beobachten eine neue Form linksextremer Vernetzung.

Sie stellt eine Gefahr für die öffentliche Ordnung dar.“

Gefahr für die Ordnung.

Nicht für Menschen.

Nicht für Leben.

Für Ordnung.

Das war ein Signal.

Noch am selben Abend meldeten große Zeitungen:

„Verfassungsschutz nimmt ‚RadikaleAntiFaschisten‘ ins Visier“

Keine Belege.

Kein Verbot.

Nur ein Wort: Visier.


Was der Staat tat

Es gab keine Razzien.

Noch nicht.

Aber:

    • Accounts wurden gesperrt.

    • Veranstaltungen plötzlich „aus Sicherheitsgründen“ untersagt.

    • Räume gekündigt.

    • Bankverbindungen überprüft.

Alles rechtlich sauber.

Alles formal korrekt.

Und genau deshalb wirksam.

Denn jeder in den Chats der RAF wusste jetzt:

Sie meinen uns.


Was die Bewegung tat

Marita sah zu, wie einer ihrer Kanäle verschwand.

„Sie wollen uns unsichtbar machen“, sagte sie.

Hans schüttelte den Kopf.

„Nein. Sie wollen uns sichtbar machen – aber nur als Gefahr.“

Gernot verstand.

„Und damit zwingen sie uns, uns selbst als Gefahr zu sehen.“

Ein gefährlicher Schritt.

Aber einer, der fast immer folgt, wenn der Staat beginnt, Vorverurteilungen zu institutionalieren.


Bellevue

Klara Prehn hatte den Erlass vor sich liegen.

Kein Ausnahmezustand.

Keine Sondergesetze.

Nur erweiterte Beobachtung.

Sie unterschrieb nicht sofort.

Sie wusste:

Wenn der Staat beginnt, Begriffe zu kriminalisieren, bevor Taten existieren, dann erzeugt er die Taten, die er zu verhindern glaubt.

Aber sie wusste auch:

Wenn sie nicht unterschrieb, würde man ihr „Blindheit gegenüber Extremismus“ vorwerfen.

Das ist die Zwickmühle jeder Demokratie kurz vor dem Kippen.

Sie setzte ihre Unterschrift.

Und irgendwo in Berlin sah Hans Brockmeyer genau in diesem Moment eine weitere Verbindung abbrechen.

Nicht als technischen Fehler.

Sondern als politische Botschaft.

Grafschaft Bentheim – Frühsommer 2028

Die Scheune stand seit Jahren leer.

Ein ehemaliger Viehbetrieb, der aufgegeben worden war, als die Auflagen zu teuer und die Preise zu niedrig wurden.

Niemand wohnte dort.

Niemand arbeitete dort.

Aber sie lag am Rand einer BFP-Hochburg.

Und sie war sichtbar.

Der Molotowcocktail zerbarst an der Holzwand.

Ein kurzer Brand.

Viel Rauch.

Kaum Schaden.

Die Feuerwehr löschte ihn in Minuten.

Aber an der verkohlten Wand stand mit schwarzer Farbe:

RADIKALER ANTI-FASCHISMUS


Was real geschah

Keine Verletzten.

Keine Toten.

Nicht einmal nennenswerter Sachschaden.

Aber:

Zum ersten Mal hatte jemand den Namen der Bewegung mit Feuer verbunden.

Und das reichte.


Die mediale Explosion

„Linksterror im Emsland“

„RAF 4.0 zündet BFP-Gegend an“

„Wo endet der Widerstand?“

Springer titelte groß:

„Wer nicht hart durchgreift, macht sich mitschuldig.“

Öffentlich-rechtlich sprach man von „erster Gewalteskalation“.

Niemand sagte: Es war eine leere Scheune.


Im Innenministerium

Der Vorfall wurde zum Wendepunkt erklärt.

Nicht, weil er groß war.

Sondern weil er brauchbar war.

„Jetzt haben wir den Beweis“, sagte jemand.

Beweis wofür?

Dass Worte nicht mehr reichen.


Bei Gernot, Marita und Hans

Sie sahen die Bilder.

Die Scheune.

Das Graffito.

Marita war bleich.

„Das waren nicht wir.“

Hans nickte.

„Aber es war jemand, der uns gelesen hat.“

Gernot sagte nichts.

Er wusste, was das bedeutete.

Ab jetzt würde jede Tat – egal von wem – ihnen gehören.

So beginnt jede Radikalisierung:

Nicht mit Befehlen.

Sondern mit Zuschreibungen.

Nach dem Bentheim-Vorfall

Noch bevor die Feuerwehr ihre Schläuche eingerollt hatte, lief in den Redaktionen bereits die zweite Ebene an.

Nicht:

Was ist passiert?

Sondern:

Was bedeutet das?

Und die Antwort war vorgegeben.

RAF 4.0.

In Talkshows wurden die alten Bilder eingeblendet.

Schwarz-weiß.

Verpixelte Fahndungsfotos.

Stammheim.

Begriffe wie „linksterroristischer Untergrund“ fielen, als hätten sie die letzten dreißig Jahre nur geschlafen.

Niemand fragte, ob diese neue Bewegung überhaupt strukturell etwas mit der alten RAF zu tun hatte.

Der Name reichte.


Innenministerium

Jetzt war der Moment da, auf den man gewartet hatte.

„Das ist der Übergang von Meinung zu Gewalt“, sagte der Staatssekretär.

„Wir müssen jetzt handeln, bevor sich Zellen bilden.“

„Welche Zellen?“, fragte jemand leise.

„Die, die sich gerade bilden, weil wir sie so nennen.“

Niemand lachte.


Bei Gernot, Marita und Hans

Sie sahen die Schlagzeilen.

Marita schlug die Hand vor den Mund.

„RAF 4.0?“, flüsterte sie. „Wir sind keine Terroristen.“

Hans antwortete ruhig:

„Aber jetzt werden wir so behandelt. Und das ist das Einzige, was zählt.“

Gernot verstand den Mechanismus.

„Ab jetzt“, sagte er, „werden sie nicht mehr nach Beweisen suchen.

Sie werden nach Mustern suchen.

Und wir passen in jedes davon.“


Der Zugriff

Er kam nicht mit Sirenen.

Er kam mit E-Mails.

„Ihr Konto wurde vorübergehend eingeschränkt.“

„Ihr Profil verstößt gegen die Nutzungsbedingungen.“

„Ihre Veranstaltung wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt.“

Es war der moderne Ausnahmezustand:

leise, verteilt, rechtlich sauber.

Am selben Morgen klingelten in mehreren Städten die ersten Wohnungen.

Nicht bei „Terroristen“.

Bei Menschen, die in Chatgruppen geschrieben, Räume organisiert oder einfach nur verlinkt hatten.

Die Begründung lautete überall gleich:

„Gefahrenabwehr im Zusammenhang mit RAF 4.0.“

Kein Richter hatte ein konkretes Delikt gesehen.

Aber alle hatten ein Muster erkannt.


Die Schlagzeilen

„Bundesweite Maßnahmen gegen RAF 4.0“

„Innenministerium greift durch“

„Erste Erfolge gegen linksextremen Untergrund“

Der Molotow im Emsland war jetzt nicht mehr ein Einzelfall.

Er war der Beweis.

Alles, was danach geschah, wurde rückwirkend zu seiner Bestätigung.


Gernot

Sein Laptop war plötzlich gesperrt.

Ein Standardhinweis.

Er wusste, was das bedeutete.

Nicht: Du bist schuldig.

Sondern: Du bist jetzt markiert.

Er rief Marita an.

Mailbox.

Hans meldete sich.

„Bei mir waren sie gerade“, sagte er ruhig. „Höflich. Sehr gründlich.“

„Haben sie was gefunden?“

„Was finden sie je?“, antwortete Hans. „Sie finden immer nur, was sie schon gesucht haben.“


Marita

Bei ihr war niemand erschienen.

Noch nicht.

Aber drei ihrer wichtigsten Kontakte waren offline.

Einer schrieb nur noch einen Satz:

„Sag nichts mehr.“

In diesem Moment verstand sie, dass sich der Raum verändert hatte.

Nicht mehr:

Was wollen wir?

Sondern:

Wie überleben wir das?


Bellevue

Klara Prehn bekam die Lageübersicht.

Alles lief im Rahmen der Gesetze.

Alles war gedeckt.

Alles war eskalierend.

Sie sah die Kurven:

Medienresonanz, Sicherheitsmeldungen, politische Forderungen.

Und sie wusste:

Wenn der Staat einmal begonnen hat, eine Gruppe als „terroristisch“ zu definieren, ohne dass diese Gruppe tatsächlich organisiert ist, dann wird er sie organisieren, indem er sie so behandelt.

Nicht aus Bosheit.

Aus Logik.

Sie legte den Bericht zur Seite.

Zwei Jahre.

So lange hatte sie noch.

Berlin, Spätsommer 2028

Der Innenminister trat vor die Presse.

Nicht mit Pathos.

Mit Geschichte.

„In Zeiten, in denen die freiheitlich-demokratische Grundordnung bedroht ist“, sagte er,

„hat dieser Staat schon einmal bewiesen, dass er sich verteidigen kann.

Damals unter Bundeskanzler Helmut Schmidt.“

Ein Raunen ging durch den Raum.

Schmidt.

RAF.

Radikalenerlass.

Die Vokabeln saßen tief im kollektiven Gedächtnis.

„Wir schlagen vor“, fuhr der Minister fort,

„eine moderne Form der Regelanfrage und der Verfassungstreueprüfung einzuführen – für den öffentlichen Dienst, für sicherheitsrelevante Bereiche, für staatlich geförderte Einrichtungen.“

Niemand nannte es Berufsverbot.

Man nannte es „Verantwortung“.


Die Reaktionen

Springer jubelte:

„Endlich entschlossen!“

Die BFP grinste:

„Das haben wir immer gefordert.“

Die SPD war gespalten – aber genau deshalb konnte sie zustimmen.

„Es ist doch unser Erbe“, sagte ein Parteiveteran in einer Talkshow.

„Der Radikalenerlass war ein Instrument der Verteidigung der Demokratie.“

Niemand erwähnte, dass er tausende Existenzen zerstört hatte.


Was beschlossen wurde

Keine neuen Straftatbestände.

Keine Sondergerichte.

Nur dies:

    • Wer im öffentlichen Dienst arbeitet oder arbeiten will,

    • wer staatliche Fördermittel bekommt,

    • wer in Schulen, Medienanstalten, NGOs tätig ist,

muss künftig erklären,

keine extremistischen Bestrebungen zu unterstützen.

Und „RAF 4.0“ war jetzt offiziell ein solcher Extremismus.


Für Gernot, Marita und Hans

Sie begriffen sofort, was das bedeutete.

Nicht Gefängnis.

Nicht Folter.

Sondern Ausschluss.

Jobs.

Wohnungen.

Konten.

Räume.

Ein sozialer Tod mit juristischer Unterschrift.

Marita flüsterte:

„Das ist schlimmer als Verhaftung.“

Hans nickte.

„Weil du dabei allein bleibst.“

Gernot sah aus dem Fenster.

„Und weil sie dabei sagen können, sie verteidigen die Demokratie.“

Der erste Fall

Er hieß Matthias Korte.

CDU.

Kommunalpolitiker in Celle.

Sachlich, ruhig, bekannt dafür, in sozialen Fragen „zu weich“ zu sein.

Er hatte einen Text geschrieben.

Kein Pamphlet.

Eine Analyse.

Warum Menschen sich radikalisieren.

Warum das Gefühl von Entwertung gefährlicher ist als jede Ideologie.

Warum RAF 4.0 kein Terrornetzwerk sei, sondern ein Symptom.

Er hatte das Papier an ein paar Journalisten geschickt.

Als Denkimpuls.

Am nächsten Morgen stand er nicht mehr auf der Kandidatenliste für die Landtagswahl.

Am Nachmittag kam der Brief.

„Im Rahmen der neuen Verfassungstreueprüfung ergeben sich Zweifel an Ihrer uneingeschränkten Loyalität zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung.“

Nicht:

Sie sind Extremist.

Sondern:

Es gibt Zweifel.

Das reichte.


Die öffentliche Hinrichtung

Springer nannte ihn:

„Sympathisant von RAF 4.0“

Ein CDU-Generalsekretär distanzierte sich.

„Wir haben keinen Platz für Extremismus – auch nicht im bürgerlichen Gewand.“

Matthias Korte saß in seiner Küche und starrte auf den Bildschirm.

Er hatte sein Leben der Ordnung gewidmet.

Und jetzt war er eine Bedrohung.


Bei Gernot, Marita und Hans

Sie lasen seinen Text.

Hans schüttelte langsam den Kopf.

„Der Mann hat uns besser erklärt als wir selbst.“

Marita sagte:

„Und dafür zerstören sie ihn.“

Gernot wusste, was das bedeutete.

Ab jetzt war niemand mehr sicher.

Nicht, wenn schon Verstehen als Verrat gilt.

Herbst 2028 – Zwei Bewegungen

Der Fall Matthias Korte wirkte wie ein Katalysator.

Menschen, die nie eine Molotowflasche angefasst hätten, begannen zu teilen, zu schreiben, zu spenden, zu vernetzen.

Nicht aus Radikalität.

Aus Angst.

Angst, dass Denken jetzt strafbar wurde.

Die RAF-4.0-Zuschreibung hatte etwas Absurdes:

Sie traf vor allem Menschen, die niemals Gewalt befürwortet hatten.

Und genau deshalb wuchs die Bewegung.

Nicht als Organisation.

Als soziale Wolke.

Lehrer.

Sozialarbeiter.

Verwaltungsangestellte.

Pfarrer.

Einzelne Polizisten.

Menschen, die begriffen:

Der Radikalenerlass traf nicht die Ränder – er traf die Mitte.


Aber gleichzeitig…

Es wuchs etwas anderes.

Eine Bevölkerungsschicht, die sich längst von der Demokratie verabschiedet hatte, aber sie weiter benutzte.

Sie wählte BFP.

Sie applaudierte dem „starken Staat“.

Und sie liebte den neuen Radikalenerlass.

Nicht, weil er Terror bekämpfte.

Sondern weil er endlich die Richtigen traf.

„Ich bin ja kein Faschist“, sagten sie.

„Aber diese Linken müssen endlich weg.“

Linke war jetzt jeder,

der nicht mitging.


Der neue deutsche Konsens

In Talkshows hörte man Sätze wie:

„Man kann doch nicht ewig Verständnis für Extremisten haben.“

„Die Demokratie muss sich wehren.“

„Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.“

Es klang vernünftig.

Es war es nicht.

Denn der neue Konsens lautete unausgesprochen:

Ordnung ist wichtiger als Freiheit.

Und Freiheit ist nur etwas für die Loyalen.


Gernot, Marita, Hans

Ihre Netzwerke explodierten.

Nicht mit Gewalt.

Mit Biografien.

Menschen schrieben, wie sie ihren Job verloren.

Wie sie beobachtet wurden.

Wie sie verstummten.

Hans sagte:

„Jetzt haben wir etwas, das die alte RAF nie hatte.“

Marita:

„Was?“

„Eine Mehrheit, die uns nicht mag – aber uns braucht, um zu merken, wie weit es schon ist.“

Gernot wusste:

Das ist der Moment, in dem Geschichte sich beschleunigt.

Winter 2028 – Wahlkampf im Ausnahmezustand

Formal war es ein normaler Bundestagswahlkampf.

Plakate.

Spots.

Talkshows.

Aber in Wirklichkeit war es ein Sicherheitswahlkampf.

Die Parteien versprachen nicht mehr Zukunft.

Sie versprachen Schutz.

Nicht vor Armut.

Nicht vor Klimafolgen.

Sondern vor einander.


Die BFP

Sie musste kaum noch provozieren.

„Wir stellen wieder Ordnung her.“

„Wir beenden linke Umtriebe.“

„Wir schützen die anständigen Deutschen.“

Das klang jetzt nicht mehr radikal.

Es klang wie eine Dienstleistung.


Die Union

Zerrissen.

Ein Flügel wollte sich als „vernünftige Alternative zur BFP“ anbieten.

Der andere wollte ihr nicht mehr widersprechen.

Also sagten sie Sätze wie:

„Keine Toleranz gegenüber Extremismus – egal von welcher Seite.“

Alle wussten, wer gemeint war.


Die SPD

Sie versuchte, sich auf Schmidt zu berufen.

Staat.

Ordnung.

Verantwortung.

Aber niemand verband diese Worte noch mit sozialer Sicherheit.

Nur mit Überwachung.


Die Grünen

Sie redeten von Bürgerrechten.

Aber jedes Mal, wenn sie es taten, fielen die Umfragewerte.


Und im Untergrund

RAF 4.0 war längst kein Name mehr.

Es war ein Spiegel.

Je mehr der Staat nach ihm schlug,

desto realer wurde er.

Nicht, weil Menschen Bomben bauten.

Sondern weil sie sich gezwungen sahen, sich zu entscheiden.

Bleiben – oder sich anpassen.

Schweigen – oder riskieren.

Gernot sagte:

„Jetzt ist es wie 1932, nur ohne Uniformen.“

Marita antwortete:

„Noch.“

Bellevue, kurz vor Weihnachten 2028

Der Weihnachtsbaum stand schon.

Niemand hatte ihn beachtet.

Klara Prehn saß an ihrem Schreibtisch und las Entwürfe.

Wahlkampfreden.

Sicherheitsgesetze.

Stellungnahmen zu RAF 4.0.

Alles formal korrekt.

Alles demokratisch legitimiert.

Und alles geeignet, das Land weiter zu spalten.

Sie hatte in den letzten Wochen etwas verstanden, das sie in keinem Jurastudium gelernt hatte:

Verfassungen sterben nicht durch Bruch.

Sie sterben durch Anwendung.

Der Radikalenerlass war legal.

Die Beobachtungen waren legal.

Die Datensammlungen waren legal.

Aber sie schufen einen Staat, der nicht mehr neutral war.

Ihr Telefon vibrierte.

Eine Umfrage.

BFP: 36 %.

Union: 21 %.

SPD: 9 %.

Grüne: 11 %.

Linke: 12 %.

Keine Mehrheit ohne die BFP.

Nicht mehr rechnerisch.

Nicht mehr politisch.

Prehn lehnte sich zurück.

Sie hatte die Macht, Gesetze zu prüfen.

Ernennungen zu verweigern.

Reden zu halten.

Aber sie konnte nicht verhindern,

dass eine Mehrheit eine andere Republik wollte.

Und genau das war die ultimative demokratische Paradoxie:

Was, wenn die Demokratie korrekt entscheidet,

sich selbst abzuschaffen?

Sie wusste:

Wenn sie jetzt offen gegen den Trend auftrat, würde man sie als elitär, undemokratisch, bevormundend brandmarken.

Wenn sie schwieg, würde man sagen, sie habe alles legitimiert.

Das ist kein Thriller-Setup.

Das ist eine tragische Rolle.

Schloss Bellevue – Nacht

Es war nach Mitternacht.

Berlin lag still, aber es war keine Ruhe. Es war das Warten eines Systems auf etwas, das es nicht mehr kontrollierte.

Klara Prehn saß allein im Arbeitszimmer.

Vor ihr lagen zwei Mappen.

In der einen:

Verfassungsrechtliche Gutachten zur BFP.

Alte Protokolle.

Hinweise auf die Debatten von 2023, 2024, 2025 – als man noch darüber gesprochen hatte, ob diese Partei verboten werden müsse.

Jetzt sprach niemand mehr davon.

Nicht, weil die Argumente widerlegt worden waren.

Sondern weil die BFP zu groß geworden war, um noch ein „Problem“ zu sein.

Sie war Wählerwille.

In der anderen Mappe:

Sicherheitsberichte.

RAF 4.0.

Radikalenerlass.

Listen.

Zwei unterschiedliche Bedrohungen.

Aber beide führten zum selben Ergebnis:

Der Staat hatte aufgehört, neutral zu sein.

Und die Gesellschaft hatte aufgehört, frei zu sein.

Sie dachte an den Satz, den ihr ein alter Staatsrechtler einmal gesagt hatte:

„In der Demokratie gibt es keinen richtigen Zeitpunkt, um sie zu retten. Nur einen, an dem es noch möglich ist.“

Dieser Zeitpunkt war vorbei.

Jetzt gab es nur noch Optionen, die alle falsch waren.

Ein BFP-Verbotsverfahren?

Juristisch vielleicht möglich.

Politisch ein Bürgerkrieg.

Keines?

Dann würde man später sagen, sie habe den Faschismus durch Untätigkeit legitimiert.

Sie konnte die Republik nicht mehr retten.

Nur noch entscheiden, wie sie scheitert.

Und das ist eine Last, die kein Amt der Welt tragen sollte.

Sie schloss die Mappen.

Draußen begann es zu schneien.

Der Moment

Die Wahl ist vorbei.

Die BFP ist stärkste Kraft.

Keine Mehrheit.

Aber jede Mehrheit braucht sie.

Klara Prehn lädt die Parteivorsitzenden ein.

Formell.

Routiniert.


Schloss Bellevue – März 2029

Der Raum war zu groß für die Stille, die in ihm lag.

Die Parteivorsitzenden saßen an dem langen Tisch, jede Fraktion mit ihren Akten, ihren Notizen, ihren vorbereiteten Sätzen. Alle wussten, was kommen musste. Die BFP war stärkste Kraft. Sie würde den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten.

Klara Prehn stand am Kopfende.

Sie wirkte nicht angespannt.

Nur müde.

„Meine Damen und Herren“, sagte sie, „die Bundestagswahl hat ein klares Ergebnis hervorgebracht. Die BFP ist stärkste Fraktion. Entsprechend unserer Verfassung werde ich ihr den Auftrag zur Bildung einer Bundesregierung erteilen.“

Niemand reagierte. Das war erwartet worden.

Ein paar Stifte bewegten sich.

Ein Husten.

Ein Rascheln von Papier.

Dann fuhr sie fort.

„Gemäß Artikel 63 des Grundgesetzes schlage ich dem Deutschen Bundestag zugleich einen Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers vor.“

Jetzt sahen sie auf.

Prehn blickte nicht in die Runde.

Sie blickte auf ein Blatt Papier.

„Ich schlage Maximilian Krall vor.“

Es war kein lauter Moment.

Kein Aufschrei.

Kein Protest.

Nur ein kurzes, kollektives Innehalten, als hätte jemand in einem Raum voller Menschen plötzlich das Licht ausgeschaltet.

Ein CDU-Vertreter stand halb auf.

Setzte sich wieder.

Jemand von den Grünen starrte auf den Tisch, als hätte er gerade verstanden, dass er dort etwas nie wiederfinden würde.

In der BFP-Fraktion bewegte sich etwas, das nicht sofort Jubel war. Eher Erkennen.

Prehn legte das Blatt beiseite.

„Die Sitzung ist beendet.“

Sie drehte sich um und verließ den Raum.

Und draußen, irgendwo zwischen Bildschirmen, Schlagzeilen und Wohnzimmern, begann ein Land zu begreifen, dass der Vorhang nicht vor ihnen aufgegangen war.

Sondern hinter ihnen.


ANFANG


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