Besuch bei der Schwester Marion ist meine „kleine“ Schwester. „Klein“ allerdings nur biologisch. Inzwischen ist sie Anfang sechzig, trägt eine Lesebrille an einer Kette um den Hals und besitzt jene unerschütterliche Autorität ostfriesischer Frauen, die selbst ausgewachsene Orkane dazu bringt, höflich vorher anzuklopfen. In den Siebzigern war sie der Liebe wegen nach Ostfriesland ausgewandert. Damals mit wallendem Haar, Schlaghose und einem Mann namens Hinnerk, der angeblich „ganz süß Akkordeon spielte“. Die Ehe hielt nicht. Das Akkordeon leider schon. Seit über zehn Jahren lebt sie nun allein in einem kleinen Haus irgendwo zwischen Deich, Wind und Kühen mit psychologischer Zusatzausbildung. Und sie liebt es. Da wir früher zusammen aufgewachsen waren, wusste Marion natürlich von meiner Affinität zu weiblich konnotierter Kleidung. Sie war gewissermaßen meine erste Dealerin. Wenn unsere Mutter früher Kleidung aussortierte, lief das oft nach einem bestimmten Ritual ab. „Das...