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Schmerzhafter Erfolg

 Hans wachte im Krankenhaus auf.

Ein dicker Verband quer über der Nase. Offenbar hatte seine Nase eine sehr persönliche Meinungsverschiedenheit mit einer Faust geführt – und verloren.

Trotzdem grinste Hans.

Nicht äußerlich. Das tat zu weh. Aber innerlich feierte er gerade eine kleine Privatparty.

Wie verrückt muss man sein, eine Körperverletzung als Erfolg zu verbuchen?

Nun ja. Wenn man die Vorgeschichte kennt, vielleicht gar nicht so verrückt.

Hans trug gerne Rock.
Nicht aus ideologischen Gründen. Nicht weil er „eigentlich eine Frau“ sein wollte. Nicht aus Protest gegen das Patriarchat. Er mochte einfach Röcke. Punkt.

Vor allem die unauffälligen Modelle. Gerade Schnitte. Gedeckte Farben. Keine Spitze, keine Rüschen, kein „Yas Queen“. Eher die Sorte Stoff, bei der Menschen zweimal hingucken mussten und dann unsicher wurden, ob das jetzt Mode, Schottland oder ein Betriebsunfall bei C&A war.

Sein neuester Schatz war ein schwarz-weiß karierter Midirock bis knapp unters Knie. Zusammen mit weißem Hemd, schwarzer Jacke, Chelsea Boots und einem Bundeswehrkoppel sah das Ganze weniger nach „Damenabteilung“ aus und mehr nach „Mann, der gleich mit einem Claymore in die Highlands marschiert“.

Hans beschloss, einen Feldversuch zu starten.

Er erwartete zwei mögliche Szenarien:

Variante eins:
Er begegnete irgendwelchen testosterongesteuerten Vollpfosten, die beim Anblick eines Rocks spontan Schnappatmung bekamen. Dann könnte es unangenehm werden.

Variante zwei:
Die Welt nahm ihn einfach zur Kenntnis und machte weiter wie bisher. Das wäre perfekt gewesen. Keine Debatte. Keine Empörung. Einfach zivile Gleichgültigkeit.

Dass es noch eine dritte Variante gab, ahnte er nicht.

Und die tat am Ende zwar ebenfalls weh – allerdings auf ausgesprochen amüsante Weise.

Hans buchte einen Kurztrip an die Küste.
Busreise. Rentnerkomfort. Drei Sterne plus „reichhaltiges Frühstücksbuffet“. Er packte nur das Nötigste ein und erschien geschniegelt im neuen Outfit am Busbahnhof.


Ein paar ältere Damen tuschelten zwar sichtbar in seine Richtung, aber Hans bemerkte schnell: Das war kein empörtes Tuscheln. Das war dieses leicht elektrisierte „Hast du DEN gesehen?“-Tuscheln.

Eine Dame mit Dauerwelle musterte ihn kurz und sagte zu ihrer Freundin:
„Also Mut hat er ja.“

Die Freundin nickte anerkennend.
„Und bessere Beine als mein Herbert.“

Herbert starrte daraufhin sehr intensiv aus dem Fenster.

Am Ziel angekommen, checkte Hans nur kurz ein und zog direkt weiter zur Strandbar.

Dort begann die Realität plötzlich völlig falsche Drehbücher zu schreiben.

Innerhalb weniger Minuten fand er sich umringt von mehreren gut gelaunten Frauen in Sommerkleidern wieder, die ihn entweder „mutig“, „cool“ oder schlicht „total süß“ fanden.



Eine fragte sogar:
„Ist das schottisch oder französisch?“

Hans antwortete:
„C&A. Ostwestfälische Haute Couture.“

Gelächter. Cocktailrunde. Stimmung hervorragend.

Und genau dort stand er plötzlich:
Der natürliche Feind des entspannten Mannes.

Yuppie.
Föhnfrisur.
Designerhemd.
Pulli lässig über die Schultern gelegt wie ein Kapitulationsfähnchen des gehobenen Mittelstands.
Eine Uhr am Handgelenk, die ungefähr den Gegenwert eines Kleinwagens hatte.

Der Typ hatte offensichtlich den ganzen Nachmittag damit verbracht, geschniegelt an der Bar zu posieren wie ein Investmentfonds auf zwei Beinen – und jetzt stahl ihm ausgerechnet ein Typ im Rock die Show.

Das war mit seinem Weltbild nicht kompatibel.

Er stellte sich zu Hans und begann mit dieser passiv-aggressiven Sorte Gespräch, bei der jede zweite Bemerkung beleidigend ist, aber so formuliert wird, dass man theoretisch auch „War doch nur Spaß“ sagen könnte.

„Na, luftiger Kleidungsstil.“

„Praktisch bei warmem Wetter“, sagte Hans freundlich.

„Ist das jetzt irgendwie… ein Statement?“

„Ja“, antwortete Hans. „Gegen schwitzende Hosen.“

Die Damen kicherten.

Das machte die Sache nicht besser.

Man trennte sich schließlich ohne Eskalation.
Aber man spürte: Im Hintergrund lud bereits jemand emotional eine Schrotflinte nach.

Am Abend tauchte Hans dann auch noch in der Hoteldisco auf.

Und dort geschah das eigentlich Unverzeihliche:

Er hatte Erfolg.


Nicht dieses peinliche „Alle finden ihn interessant wie einen Verkehrsunfall“-Erfolg. Sondern echten Erfolg. Frauen lachten mit ihm. Tanzten mit ihm. Eine sagte sogar:
„Endlich mal einer, der nicht aussieht wie ein Versicherungsvertreter auf Paarungssuche.“

Der Yuppie sah das alles aus einiger Entfernung.

Man konnte praktisch beobachten, wie sein Blutdruck versuchte, die Schallmauer zu durchbrechen.

Dann geschah es.

Ein dumpfes Knacken.
Ein kurzer Lichtblitz im Kopf.
Dann Dunkelheit.

Und jetzt lag Hans hier. Krankenhaus. Verband. Schmerzmittel.

Aber gleichzeitig auch mit der vielleicht absurdesten Erkenntnis seines Lebens:

Er hatte seinen Versuch gewonnen.

Nicht weil er verprügelt worden war.
Sondern weil der Angriff bewies, dass sein Outfit eben nicht lächerlich gewirkt hatte.

Im Gegenteil.

Es hatte funktioniert.

So gut sogar, dass irgendein geschniegelteter Alpha-Kevin sich davon existenziell bedroht fühlte.

Hans verzog vorsichtig das Gesicht zu einem schmerzhaften Grinsen.

Ganz ehrlich:
Für diese Pointe war die Nase fast ein fairer Preis gewesen.

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