Besuch bei der Schwester
Marion ist meine „kleine“ Schwester.
„Klein“
allerdings nur biologisch. Inzwischen ist sie Anfang sechzig, trägt
eine Lesebrille an einer Kette um den Hals und besitzt jene
unerschütterliche Autorität ostfriesischer Frauen, die selbst
ausgewachsene Orkane dazu bringt, höflich vorher anzuklopfen.
In den Siebzigern war sie der Liebe wegen nach Ostfriesland
ausgewandert. Damals mit wallendem Haar, Schlaghose und einem Mann
namens Hinnerk, der angeblich „ganz süß Akkordeon spielte“.
Die
Ehe hielt nicht. Das Akkordeon leider schon.
Seit über zehn Jahren lebt sie nun allein in einem kleinen Haus
irgendwo zwischen Deich, Wind und Kühen mit psychologischer
Zusatzausbildung.
Und sie liebt es.
Da wir früher zusammen aufgewachsen waren, wusste Marion natürlich von meiner Affinität zu weiblich konnotierter Kleidung. Sie war gewissermaßen meine erste Dealerin.
Wenn unsere Mutter früher Kleidung aussortierte, lief das oft nach einem bestimmten Ritual ab.
„Das kommt weg.“
Marion hob dann einzelne Stücke hoch, betrachtete sie kritisch und fragte mit demonstrativ neutraler Stimme:
„Weg… weg? Oder WEG weg?“
Das war unser Geheimcode.
Kurze Zeit später lag dann plötzlich irgendwo unauffällig ein Rock, ein Oberteil oder irgendein „völlig neutrales Teil“ in meinem Zimmer.
Natürlich nur aus wissenschaftlichem Interesse.
Heute besuchen wir uns gelegentlich und erzählen uns gegenseitig
von unseren Erlebnissen.
Bei Kaffee, Kuchen und ostfriesischem
Tee in Mengen, die anderswo als Hochwasserschutzmaßnahme gelten
würden.
Bei meinem letzten Besuch berichtete ich ihr, dass ich endlich den Schritt geschafft hatte, im Rock einkaufen zu gehen.
Sie stellte die Teetasse ab.
Langsam.
Ganz langsam.
Dann sprang sie plötzlich auf, fiel mir um den Hals und drückte mich so fest, dass ich kurz Angst hatte, sie wolle mir die Rippen brechen.
„Ich bin SO stolz auf dich!“
Ich glaube, sie freute sich mehr darüber als ich selbst.
Anschließend setzte sie sich wieder hin, musterte mich mit diesem Blick, den ältere Schwestern offenbar automatisch bekommen, sobald ihnen Unsinn einfällt, und sagte:
„Ich hab da eine Idee.“
Das hätte mir Warnung genug sein müssen.
„Was hältst du davon, mich über Pfingsten besuchen zu kommen? Vier Tage. Freitag bis Montag.“
„Klingt erstmal harmlos“, sagte ich vorsichtig.
„Im Rock.“
Ich schwieg.
„Und du bringst keine Männersachen zum Wechseln mit.“
Ich verschluckte mich fast am Tee.
„Nur deine“, sie machte Anführungszeichen in der Luft, „alltagstauglichen Damensachen.“
Dann grinste sie breit.
„Und wir machen ganz normale Sachen. Hafen. Meer. Kaffee trinken. Eis essen. Vielleicht bisschen bummeln. Einfach ein schönes Pfingstwochenende.“
Kurze Pause.
„Nur eben du im Rock.“
Dann legte sie den Kopf leicht schief und ergänzte trocken:
„Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich stattdessen Hosen tragen werde.“
Und zwinkerte.
In dieser Nacht schlief ich ungefähr so entspannt wie ein Schmuggler an der Zollkontrolle.
Am Freitag vor Pfingsten war es dann soweit.
Ich packte meine Reisetasche.
Mehrere
Röcke.
Oberteile.
Ersatzstrumpfhose.
Und natürlich
meinen Badeanzug, denn das Wetter sollte warm werden.
Zur Feier des Tages zog ich meinen rot karierten Rock an — jenes Modell, das sich exakt an der Grenze zwischen „mutig“ und „schottischer Alkoholiker auf Abwegen“ bewegte.
Dann setzte ich mich ins Auto und fuhr Richtung Ostfriesland.
Je näher ich dem Meer kam, desto nervöser wurde ich.
Bis Marion die Tür öffnete.
Sie sah mich.
Strahlte.
Und sagte einfach nur:
„Da ist ja mein Brüderchen.“
Keine Diskussion.
Keine Analyse.
Kein großes Thema.
Als wäre das vollkommen normal.
Und genau das machte plötzlich alles normal.
Mit ihr an meiner Seite verflog die Unsicherheit erstaunlich schnell.
Wir machten tatsächlich all die Dinge, die sie angekündigt hatte.
Wir gingen am Hafen spazieren.
Aßen Eis.
Saßen in
Cafés.
Bummelten durch kleine Läden.
Einmal bemerkte ich, wie zwei ältere Damen uns ansahen.
Die eine flüsterte der anderen etwas zu.
Ich bereitete mich innerlich bereits auf gesellschaftlichen Niedergang, Dorfalarm und einen spontanen Exorzismus vor.
Da nickte die andere Dame anerkennend in meine Richtung und sagte laut genug, dass ich es hören konnte:
„Das Rot steht ihm aber gut.“
Ich war emotional auf vieles vorbereitet gewesen.
Darauf
nicht.
Der Hafen war voller Touris und ich bemerkte, dass
ausgerechnet ich die einzige Person unter hunderten war, die einen
Rock trug. Interessant. Bin offenbar statistischer Sondermüll. Egal.
Fischbrötchen!
Am Samstag gingen wir sogar ins Hallenbad, weil das ostfriesische „Sommerwetter“ ungefähr die Atmosphäre einer mittelmäßig temperierten Fischtheke hatte.
Dort kam auch mein Badeanzug zum Einsatz.
Der Moment, mit Badeanzug aus der Umkleide zu kommen, während neben mir ein pensionierter Beamter mit Feinripp-Badehose und Sandalen stand, hatte etwas philosophisch Tiefes.
Man beginnt plötzlich, den Begriff „Normalität“ vollkommen neu zu definieren.
Marion hingegen interessierte das alles überhaupt nicht.
„Wir gehen erstmal Pommes essen“, sagte sie lediglich.
Als wäre ich schon immer so herumgelaufen.
Am Montag musste ich wieder nach Hause.
Zum Abschied nahm sie mich in den Arm und sagte:
„Wenn das der Preis dafür ist, dass ich mein Brüderchen öfter sehe, dann machen wir das jederzeit wieder.“
Dann grinste sie.
„Außerdem bist du deutlich entspannter geworden.“
Sie hatte recht.
Seitdem sind meine Fahrtkosten nach Ostfriesland leicht angestiegen.
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