Direkt zum Hauptbereich

Homo inquīsītor

 

Der Mensch hat fast nichts erfunden

Ein immanentes Pamphlet

Der Mensch rühmt sich seiner Erfindungen.
Er spricht von Fortschritt, von schöpferischer Kraft, von der Überlegenheit seines Geistes.
Doch bei genauer Betrachtung schrumpft die Liste dessen, was tatsächlich erfunden wurde, auf ein Minimum.

Fast alles, was wir „Erfindung“ nennen, ist in Wahrheit Entdeckung.

Die Dampfmaschine ist kein schöpferischer Akt.
Niemand hat erfunden, dass Wasser sich beim Übergang in den gasförmigen Zustand ausdehnt.
Niemand hat erfunden, dass Druck Arbeit verrichten kann.
Was getan wurde, war eine Anordnung: eine technische Choreografie bereits existierender Naturgesetze.

So verhält es sich mit jeder Technik.
Elektrizität, Mechanik, Chemie, Digitaltechnik – sie alle beruhen auf Eigenschaften der Welt, die unabhängig vom Menschen existierten. Der Mensch hat sie nicht hervorgebracht, sondern lesbar gemacht.
Technik ist kein Akt der Schöpfung, sondern ein Akt der Nutzung.

Wissenschaft ist daher keine Erfindungsmaschine, sondern eine Kartografie des Vorgefundenen.
Sie hebt Strukturen ans Licht, die vorher unsichtbar waren, nicht weil sie neu sind, sondern weil niemand sie gesehen hat.

In diesem Sinne ist der Mensch weniger Schöpfer als Archäologe der Realität.


Es gibt jedoch zwei radikale Ausnahmen.

Religion und Geld.

Religion ist keine Entdeckung.
Sie beruht auf keinem überprüfbaren Naturgesetz, auf keiner immanenten Kausalität.
Religion ist die Erfindung einer transzendenten Erklärungsebene – eine Antwort auf Fragen, für die es keine empirische Antwort gibt. Sie funktioniert nicht, weil sie wahr ist, sondern weil sie geglaubt wird.

Geld ist noch radikaler.
Es besitzt keinerlei physikalische Notwendigkeit.
Sein Wert ist nicht entdeckt, sondern gesetzt.
Ein Geldschein repräsentiert nichts – er ist nur deshalb etwas, weil eine Gesellschaft kollektiv so tut, als wäre er es.

Geld und Religion sind wirksame Fiktionen.
Sie erzeugen Realität, statt sie zu beschreiben.


Hier liegt der eigentliche Bruch.

Alles Technische ist an die Welt gebunden.
Alles Symbolische kann sich von ihr lösen.

Darum sind Religion und Geld die einzigen echten Erfindungen des Menschen –
und zugleich die gefährlichsten.

Denn wo Technik an Naturgesetze gebunden bleibt, sind erfundene Wirklichkeiten prinzipiell grenzenlos.
Sie können stabilisieren, ordnen, trösten.
Sie können aber auch versklaven, zerstören und jede materielle Grenze ignorieren.


Vielleicht liegt der Grundirrtum des Menschen genau hier:
Er hält sich für einen Schöpfer, obwohl er fast immer nur ein Entdecker ist.
Und gerade dort, wo er tatsächlich schöpferisch war, hat er Systeme hervorgebracht, die sich seiner Kontrolle entziehen.

Der Mensch hat die Welt nicht gemacht.
Aber er hat Geschichten erfunden, die mächtiger wurden als die Welt selbst.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Archaische Architektur des Menschen

  Die Archaische Architektur des Menschen Eine vierteilige Mini-Publikation über Gehirn, Geschichte und Zivilisation Vorwort – Die Fabel vom Frosch und dem Skorpion Es gibt Geschichten, die in wenigen Zeilen ausdrücken, wofür die Wissenschaft Jahrhunderte brauchte. Die Fabel vom Frosch und dem Skorpion gehört zu diesen Verdichtungen menschlicher Natur. Ein Skorpion bittet einen Frosch um Hilfe, verspricht Vernunft, verfällt dann aber seinem Impuls und sticht — selbstzerstörerisch, unausweichlich, „weil es in seiner Natur liegt“. Diese Fabel ist kein Gleichnis über Moral, sondern ein frühes Modell der Neurobiologie: Der Frosch steht für den Neokortex, der plant, abwägt und Risiken erkennt. Der Skorpion verkörpert das limbische System, das schnell, emotional und evolutionär alt ist. Und wie in der Fabel folgt unser Verhalten häufig nicht der Einsicht, sondern den Impulsen. Wir handeln gegen unser Wissen, gegen unsere Zukunft, manchmal sogar gegen unser Überleben. Dieses Vorwort steht...

Die "neue" Normalität

  Die AfD muss nicht regieren, um zu gewinnen Über die schleichende Erosion der Gewaltenteilung Vor einiger Zeit habe ich mehrere KI-Systeme gefragt, wie groß die Gefahr sei, dass nach der nächsten Bundestagswahl die AfD mit der Regierungsbildung beauftragt wird. Die Antworten waren übereinstimmend: äußerst gering. Am Ende dieser Gespräche blieb jedoch ein Satz hängen, der mir heute weit bedeutsamer erscheint als jede Wahlprognose: Die eigentliche Gefahr besteht nicht darin, dass die AfD regiert – sondern darin, dass sie es gar nicht mehr müsste. Damals klang das wie eine theoretische Zuspitzung. Heute wirkt es wie eine nüchterne Zustandsbeschreibung. Wenn autoritäre Politik ohne Autoritäre auskommt Demokratische Systeme scheitern selten durch offene Machtübernahme. Sie scheitern durch Anpassung . Durch das Einsickern autoritärer Denkweisen in das Handeln jener, die sich selbst als demokratische Mitte verstehen. Das Muster ist bekannt und historisch gut dokumentiert: Be...

Die Wahl

 Hinweis Dieser Text ist ein Werk der Fiktion. Personen, Parteien, Institutionen und Ereignisse sind entweder frei erfunden oder werden in verfremdeter Form dargestellt. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen, Parteien oder tatsächlichen Vorgängen dienen ausschließlich der literarischen und gesellschaftlichen Reflexion und stellen keine Tatsachenbehauptungen dar. März 2027 – Nacht der Wahl Der Plenarsaal des Bundestages wirkte an diesem Abend größer als sonst. Nicht weil mehr Menschen da waren – im Gegenteil –, sondern weil die Reihen ausgedünnt waren wie in einem schlecht geheilten Knochen. Zwischen den Abgeordneten klafften Lücken, in denen sonst Gewissheiten gesessen hatten. Auf den Besuchertribünen murmelte es, gedämpft wie in einer Kirche vor der Beerdigung. Niemand wusste genau, wer hier eigentlich begraben wurde. Vielleicht nur ein Amt. Vielleicht mehr. Die dritte Wahlrunde stand bevor. Zwei waren schon gescheitert. Martin Schlutz hatte in den ersten beiden Durchgängen er...