Geschlechtliche Statusasymmetrien in der westlichen Kleiderordnung
Eine strukturtheoretische Analyse
Abstract
Der Beitrag untersucht geschlechtercodierte Kleidung in westlichen Gesellschaften als symbolisches Statussystem. Ausgangspunkt ist die Beobachtung einer asymmetrischen Grenzüberschreitung: Während Frauen seit dem 20. Jahrhundert zunehmend ehemals männlich konnotierte Kleidung ohne nachhaltige Sanktion tragen können, bleibt die Aneignung weiblich konnotierter Kleidung durch Männer gesellschaftlich stark markiert. Der Artikel argumentiert, dass diese Asymmetrie auf eine fortbestehende hierarchische Codierung von Weiblichkeit verweist. Misogynie wird dabei nicht als individuelles Ressentiment, sondern als strukturelles Sanktionsprinzip verstanden, das symbolische Geschlechterordnungen stabilisiert.
1. Einleitung: Beobachtbare Asymmetrien
In westlichen Gesellschaften ist seit dem 20. Jahrhundert eine sukzessive Angleichung weiblicher Kleidungspraktiken an vormals männliche Codes zu beobachten (Hose, Anzug, Arbeitskleidung). Diese Aneignung wurde historisch kontrovers diskutiert, ist jedoch inzwischen weitgehend normalisiert.
Demgegenüber bleibt die geschlechterübergreifende Aneignung weiblich konnotierter Kleidung durch Männer stark sozial markiert. Männer in Röcken, Kleidern oder Blusen erfahren signifikant häufiger Irritation, Spott oder symbolische Abwertung als Frauen in Hosen oder Anzügen.
Diese Differenz verweist auf eine strukturelle Asymmetrie innerhalb der symbolischen Geschlechterordnung.
2. Theoretischer Rahmen
Der Beitrag stützt sich auf:
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Bourdieus Konzept symbolischer Macht und Distinktion
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Connells Theorie hegemonialer Männlichkeit
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Butler’s Performativitätstheorie
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kultursoziologische Ansätze zu Kleidung als Statusmarker
Kleidung fungiert nicht primär als funktionales Objekt, sondern als semantischer Träger sozialer Positionierung. Sie ist ein performatives Medium, das Geschlecht nicht nur ausdrückt, sondern reproduziert.
3. Misogynie als Strukturprinzip
Misogynie wird hier nicht als individuelle Feindseligkeit gegenüber Frauen verstanden, sondern als strukturelles Sanktionssystem, das die Abwertung des Weiblichen organisiert.
Diese Abwertung wirkt nicht ausschließlich gegenüber Frauen, sondern gegenüber jeder Person, die Weiblichkeit in einem nicht normativ vorgesehenen Kontext verkörpert.
Die Sanktionierung männlicher Feminisierung legt nahe, dass Weiblichkeit weiterhin als statusmindernd codiert ist.
4. Die asymmetrische Grenzlogik
Historisch lässt sich eine Einbahnstruktur beobachten:
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Aneignung männlicher Codes durch Frauen → graduelle Normalisierung
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Aneignung weiblicher Codes durch Männer → persistente Markierung
Diese Differenz lässt sich als Statuslogik interpretieren:
Männlichkeit fungiert als hegemonialer Referenzrahmen;
Weiblichkeit als sekundärer, ästhetisch codierter, aber statusreduzierter Pol.
Die Grenzüberschreitung „nach oben“ wird als Aufstieg gelesen,
die Grenzüberschreitung „nach unten“ als Verlust.
5. Komik und kulturelle Rahmung
Populärkulturelle Repräsentationen männlicher Feminisierung sind häufig komödiantisch gerahmt. Komik kann als symbolischer Mechanismus verstanden werden, der Normabweichung entschärft und zugleich die zugrunde liegende Hierarchie reproduziert.
Die ironische Rahmung verhindert die Normalisierung der Praxis als ernsthafte Alternative zur hegemonialen Geschlechterordnung.
6. Gegenwart: Queere Markierung und Normalisierungsgrenzen
Gegenwärtige Diskurse verhandeln geschlechtliche Abweichung häufig im Rahmen queerer Identitätspolitiken. Diese schaffen Schutzräume und Sichtbarkeit, markieren jedoch zugleich Differenz.
Solange männliche Feminisierung primär als Ausdruck spezifischer Identitätskategorien gelesen wird, bleibt sie vom Status der gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit entfernt.
7. Diskussion
Die Persistenz der beschriebenen Asymmetrie legt nahe, dass formale Gleichberechtigung nicht mit symbolischer Gleichwertigkeit identisch ist.
Kleidung fungiert als sensibler Indikator symbolischer Ordnungen.
Solange weiblich konnotierte Codes für Männer mit Statusverlust verbunden bleiben, ist von einer fortbestehenden hierarchischen Geschlechtercodierung auszugehen.
8. Fazit
Die westliche Kleiderordnung weist eine strukturelle Statusasymmetrie auf, die sich als misogynes Ordnungsprinzip im Sinne einer Abwertung des Weiblichen interpretieren lässt. Diese wirkt nicht ausschließlich gegenüber Frauen, sondern gegenüber der Verkörperung von Weiblichkeit im Allgemeinen.
Eine nachhaltige Egalisierung von Geschlechterordnungen würde sich auch in der Entmarkierung männlicher Feminisierung manifestieren.
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(A) Symbolische Macht & Distinktion
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Pierre Bourdieu – La domination masculine (1998); Distinction (1979)
→ Kleidung als Träger symbolischer Macht und Distinktion
→ Geschlecht als verkörperte soziale Struktur
(B) Hegemoniale Männlichkeit
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R. W. Connell – Masculinities (1995/2005)
(C) Performativität & Geschlechterkonstruktion
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Judith Butler – Gender Trouble (1990)
(D) Misogynie als Struktur
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Kate Manne – Down Girl: The Logic of Misogyny (2017)
(E) Kleidung als soziologisches Medium
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Joanne Entwistle – The Fashioned Body (2000)
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Elizabeth Wilson – Adorned in Dreams (1985)
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