Warum Mode im Westen misogyn ist
Eine gesellschaftstheoretische Betrachtung
Es ist eine scheinbar triviale Beobachtung: Frauen können heute nahezu alles tragen, ohne gesellschaftliche Sanktionen befürchten zu müssen. Die Frau in Cargo-Hose und Holzfällerhemd löst weder Spott noch Aggression aus. Sie gilt im schlimmsten Fall als praktisch, im besten als souverän oder modern.
Männer hingegen bewegen sich modisch in einem engen Korridor. Ein Mann im Rock, in einer Bluse oder gar im Abendkleid wird nicht neutral wahrgenommen, sondern auffällig markiert: lächerlich, irritierend, provokant. Die Reaktionen reichen von Spott bis hin zu offener Aggression.
Diese Asymmetrie ist kein Randphänomen. Sie verweist auf eine tief sitzende gesellschaftliche Ordnung – und auf einen blinden Fleck in vielen Gleichberechtigungsdiskursen. Meine These lautet: Die heutige westliche Mode ist ein Bollwerk der Misogynie.
Misogynie – nicht als Gefühl, sondern als Struktur
Um diese These zu verstehen, muss der Begriff der Misogynie präzisiert werden. Gemeint ist hier nicht individueller Frauenhass, nicht persönliche Abneigung oder offene Feindseligkeit. Gemeint ist Misogynie als gesellschaftliches Sanktionssystem, das Geschlechterhierarchien stabilisiert.
Misogynie richtet sich nicht primär gegen Frauen, sondern gegen Weiblichkeit – gegen alles, was als weiblich konnotiert ist und diese Zuschreibung nicht an der „richtigen“ Stelle trägt. Sie wirkt immer dann, wenn Geschlechtergrenzen überschritten werden, vor allem in die „falsche“ Richtung.
Unter dieser Perspektive wird erklärbar, warum ausgerechnet Männer in weiblich gelesener Kleidung so starke Abwehrreaktionen hervorrufen. Nicht, weil sie Männer sind – sondern weil sie sich dem Weiblichen zuwenden.
Die asymmetrische Einbahnstraße der Mode
Die westliche Mode kennt faktisch nur eine erlaubte Grenzüberschreitung: von weiblich zu männlich. Der umgekehrte Weg ist gesellschaftlich blockiert.
Frauen durften sich im Laufe des 20. Jahrhunderts Schritt für Schritt ehemals männliche Kleidungsstücke aneignen: Hosen, Anzüge, Arbeitskleidung, Uniformelemente. Diese Aneignung wurde – nach anfänglichem Widerstand – zunehmend als Emanzipation gelesen. Sie bedeutete symbolischen Aufstieg.
Männer hingegen dürfen sich weiblich konnotierter Kleidung bis heute nicht selbstverständlich bedienen. Der Mann im Rock gilt nicht als emanzipiert, sondern als lächerlich oder bedrohlich. Die Grenzüberschreitung wird nicht als Erweiterung, sondern als Verlust gelesen.
Der Grund dafür ist einfach und unangenehm:
Männlichkeit bedeutet gesellschaftlichen Status. Weiblichkeit bedeutet – im patriarchalen Sinn – Abwertung.
Frauen können „nach oben“ streben, indem sie Männlichkeit übernehmen. Männer können nicht „nach unten“ gehen, ohne sanktioniert zu werden. Diese Einbahnstraße ist der Kern der Ungleichheit.
Warum es faktisch keine Männermode mehr gibt
Vor diesem Hintergrund erklärt sich ein weiteres Phänomen: Es gibt heute kaum noch so etwas wie Männermode im eigentlichen Sinn. Was als Männermode gilt, ist normiert, funktional und unsichtbar. Sie ist keine ästhetische Spielwiese, sondern eine Uniform der Sachlichkeit.
Männliche Kleidung ist:
-
farblich reduziert
-
körperverhüllend
-
wiederholbar
-
emotionsarm
Sie dient nicht dem Ausdruck, sondern der Neutralisierung. Genau deshalb fällt sie nicht als „Mode“ auf. Mode beginnt dort, wo Gestaltung, Variation und Sichtbarkeit erlaubt sind – und dieses Feld ist überwiegend weiblich codiert.
Die alte Logik dahinter lautet:
Wer Macht hat, darf sich nicht schmücken. Wer sich schmückt, darf keine Macht beanspruchen.
Dass Männer aus diesem Feld ausgeschlossen bleiben, ist kein Zufall, sondern Teil der Ordnung.
Komik als kulturelle Absicherung
Wo Abweichung nicht erlaubt ist, wird sie lächerlich gemacht. Das zeigt sich besonders deutlich in Kunst und Populärkultur. Geschichten, in denen Männer in weibliche Rollen oder Kleidung schlüpfen, werden fast ausnahmslos als Komödien erzählt.
Der Mann im Kleid darf existieren – aber nur, wenn er zum Lachen ist. Die Komik erfüllt dabei eine klare Funktion: Sie entschärft die Bedrohung, schafft Distanz und stellt am Ende die Ordnung wieder her. Der Status quo bleibt unangetastet.
Dass es kaum ernsthafte, nicht-ironische Darstellungen männlicher Feminität gibt, ist kein Zufall. Im Gegenteil: Die dauerhafte Komödiantisierung zeigt, wie brisant das Thema ist. Was harmlos wäre, müsste man nicht verlachen.
„Queer“ als Schutzraum – und als Auslagerung
In der Gegenwart wird geschlechtliche Abweichung häufig unter dem Begriff „queer“ verhandelt. Dieser Begriff hat ohne Zweifel emanzipatorische Funktionen: Er schafft Sichtbarkeit, Schutzräume und Solidarität.
Gleichzeitig wirkt er aber auch als Auslagerungsmechanismus. Der Mann im Kleid ist damit nicht einfach ein Mann in Kleidung, sondern Teil einer markierten Gruppe. Er bleibt das Andere, das Besondere, das Abweichende.
Solange geschlechtliche Vielfalt sprachlich separiert werden muss, ist sie nicht normalisiert. Gleichberechtigung beginnt dort, wo keine Sonderbegriffe mehr nötig sind.
Warum das alles misogyn ist
Auf den ersten Blick könnte man argumentieren, Männer seien hier die Benachteiligten. Schließlich erfahren sie Spott, Ausgrenzung und mitunter Gewalt. Doch diese Betrachtung greift zu kurz.
Der Mann im Kleid wird nicht sanktioniert, weil er Mann ist, sondern weil er Weiblichkeit wählt. Er wird abgewertet, weil das Weibliche weiterhin als minderwertig gilt. Genau darin liegt der misogyn strukturierte Kern.
Misogynie stabilisiert sich selbst, indem sie nicht nur Frauen diszipliniert, sondern auch Männer, die die Hierarchie infrage stellen. Sie wirkt subtil, effizient und erstaunlich stabil – gerade weil sie oft nicht als solche erkannt wird.
Eine unbequeme Messgröße für Gleichberechtigung
Mode ist kein Nebenschauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Sie ist ein Frühwarnsystem, ein sichtbarer Seismograf für Machtverhältnisse.
Solange Männer nicht selbstverständlich weiblich konnotierte Kleidung tragen können, ohne sozial sanktioniert zu werden, ist Geschlechtergleichheit nicht erreicht.
Echte Gleichberechtigung von Mann und Frau ist erst dann erreicht, wenn Männer ganz selbstverständlich auch Röcke tragen.
Nicht als Provokation. Nicht als Statement. Sondern als Normalität.
Solange das nicht möglich ist, bleibt Mode ein Anker patriarchaler Ungleichheit – und Misogynie ein strukturelles Prinzip unserer Gesellschaft.
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