Der Mythos vom besseren Klang
Audiophilie zwischen Physik, Psychologie und Selbstbetrug
Ein Pamphlet
Die Wiederkehr der Schallplatte wirkt auf den ersten Blick wie ein harmloses Kulturphänomen. Nostalgie, Haptik, Ritual. Ein Gegengewicht zur entmaterialisierten Playlist. Doch unter der Oberfläche dieser Renaissance brodelt etwas anderes: ein erstaunlich hartnäckiger Glaube an objektive Überlegenheit, an ein „echteres“, „wärmeres“, „richtiges“ Hören – und an Menschen, die angeblich dazu befähigt sind, diesen Unterschied zuverlässig wahrzunehmen.
Wer daran zweifelt, gilt schnell als Banaus. Oder schlimmer: als jemand, der es einfach nicht hört.
Dieses Pamphlet richtet sich nicht gegen Vinyl. Es richtet sich gegen den Mythos.
1. Der technische Irrtum: Analog ist nicht unschuldig
Beginnen wir dort, wo der Mythos sich gern unangreifbar gibt: bei der Technik.
Das analoge Audiosignal wird oft als unmittelbares, unverfälschtes Abbild der Wirklichkeit dargestellt. Ein physikalischer Fingerabdruck des Klangs. Doch diese Vorstellung hält keiner genaueren Betrachtung stand. Bereits die klassische Schallplattenaufzeichnung ist ein Kompromisssystem aus Normierungen, Korrekturen und Rückrechnungen: RIAA-Entzerrung, mechanische Massenträgheit, begrenzte Dynamik, frequenzabhängige Verzerrungen, geometrische Tricks zur Stereoabbildung. Was als „reine Rille“ verkauft wird, ist in Wahrheit ein hochgradig konstruiertes Artefakt.
Auch das Digitale ist nicht der Feind der Authentizität. Im Gegenteil: Moderne digitale Aufzeichnung kann Dynamik- und Frequenzbereiche abbilden, die weit über das hinausgehen, was analoge Verfahren physikalisch sauber leisten können. Entscheidend ist nicht das Medium, sondern die Qualität der gesamten Kette: Aufnahme, Mastering, Wandlung, Wiedergabe. Oder nüchterner formuliert: Shit in, shit out.
Wer also behauptet, ein Medium sei per se überlegen, verwechselt Trägermaterial mit Inhalt – und Physik mit Ideologie.
2. Der soziale Irrtum: Audiophilie als Distinktionsritual
Warum hält sich der Mythos trotzdem so hartnäckig?
Weil es längst nicht mehr um Klang geht, sondern um Zugehörigkeit. Audiophilie ist für einen Teil ihrer Anhänger kein Hobby, sondern Identität. Wer dazugehört, weiß Bescheid. Wer widerspricht, hat entweder kein Gehör oder kein Niveau. In dieser Logik wird Hören zur sozialen Prüfung.
Der jüngste Skandal um Mobile Fidelity – ein Label, das jahrelang hochpreisige „puristisch-analoge“ Vinylpressungen vertrieb, dabei aber heimlich einen digitalen Zwischenschritt nutzte – wirkte deshalb wie ein Schock
Nicht, weil digitaler Klang plötzlich schlecht geworden wäre. Sondern weil die Szene mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert wurde: Viele der angeblich überlegenen Hörerlebnisse waren längst digital – und niemand hatte es gemerkt.
Die Empörung richtete sich offiziell gegen Intransparenz. Inoffiziell aber gegen etwas Tieferes: den Verlust einer Gewissheit.
3. Der psychologische Kern: Versunkene Kosten und verletzte Egos
Hier greift ein gut erforschtes psychologisches Muster: die Sunk Cost Fallacy. Wer viel Zeit, Geld und Selbstbild in eine Überzeugung investiert hat, tut sich schwer, diese als das zu erkennen, was sie ist – eine subjektive Präferenz. Je höher der Einsatz, desto größer der Verteidigungsdrang.
Plötzlich steht nicht mehr zur Debatte, ob einem etwas gefällt, sondern ob es objektiv besser ist. Geschmack wird rationalisiert, hierarchisiert, normiert. Nicht aus Liebe zur Wahrheit, sondern aus Angst vor Beliebigkeit. Denn Beliebigkeit hieße: Mein Genuss ist nicht überlegen. Mein Urteil nicht maßgeblich. Mein Investment vielleicht… unnötig.
So entsteht eine bizarre Situation: Menschen genießen Musik – und fühlen sich dennoch betrogen, wenn sie erfahren, dass der Genuss nicht auf den „richtigen“ Gründen beruhte.
4. Die eigentliche Zumutung: Subjektivität
Die vielleicht unbequemste Erkenntnis lautet deshalb:
Musikalischer Genuss ist nicht objektivierbar.
Am Ende jeder noch so perfekten Wiedergabekette steht ein biologisches Organ, das sich nicht kalibrieren lässt. Das Ohr. Und dahinter ein Gehirn, das Erinnerung, Erwartung, Kontext und Emotion in jede Wahrnehmung einwebt. Ab diesem Punkt enden alle Messwerte. Alles Weitere ist Erleben
Das Knistern einer Schallplatte kann nostalgisch wärmen – oder nerven. Beides ist legitim. Was nicht legitim ist, daraus eine Rangordnung des Hörens abzuleiten.
„Hat mir gefallen“ ist kein intellektuelles Versagen. Es ist ein ehrliches Urteil.
5. Fazit: Entzauberung als Befreiung
Dieses Pamphlet ist kein Plädoyer gegen Vinyl, gegen High-End oder gegen Leidenschaft. Es ist ein Plädoyer gegen Selbsttäuschung. Gegen den Zwang, persönliche Vorlieben mit pseudowissenschaftlichen Argumenten zu adeln. Gegen die Angst, Genuss nicht rechtfertigen zu können.
Technik erklärt, was möglich ist.
Psychologie erklärt, warum wir glauben.
Hören aber bleibt persönlich.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Qualität, die es zu verteidigen gilt.
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