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Die Konsequenz

 Die Konsequenz

Die Brachwiese lag zwischen zwei Ausfallstraßen, ein vergessener Zwischenraum aus Disteln, Schotter und dem, was einmal Planung gewesen war. Ein Hund hatte die Leiche gefunden. Nackt. Ausgemergelt. Die Haut graublau, die Gliedmaßen seltsam ordentlich an den Körper gezogen, als habe jemand versucht, sich selbst zu schützen.

Die Polizei sperrte ab, fotografierte, maß. Kein Ausweis, keine Kleidung, keine Spuren von Gewalt. Keine Anzeichen eines Kampfes. Die Temperatur der letzten Nächte hatte unter dem Gefrierpunkt gelegen.

Der Pathologe sprach ruhig, wie immer. Er sprach von Unterkühlung, von Organversagen. Dann, beiläufiger, von etwas anderem: Der Magen sei leer gewesen. Nicht leer im Sinne eines ausgelassenen Essens. Leer im Sinne von Wochen.

„Erfroren“, sagte er, „aber das war nur eine Frage der Zeit. Der Körper hatte keine Reserven mehr.“

Die Identifizierung dauerte länger. Schließlich war es das Gebiss, das den Ausschlag gab. Eine alte Zahnbehandlung, sauber dokumentiert. Ein Name. Unauffällig. Kein Vorstrafenregister. Keine Vermisstenmeldung.

Erst später fand man den Eintrag.

Ein paar Wochen alt. Gepostet auf mehreren Plattformen, fast wortgleich. Kein Wutausbruch, kein Pathos. Eine sachliche Erklärung. Die Ankündigung eines Boykotts.

Die Person habe beschlossen, nichts mehr zu konsumieren, was unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt, transportiert oder gehandelt werde. Keine Lebensmittel aus fragwürdiger Produktion. Keine Kleidung. Keine Energie. Keine Dienstleistungen. Man wolle Verantwortung übernehmen. Konsequenter leben. Nicht länger Teil eines Systems sein, das Leid externalisiere.

Am Ende des Textes stand kein Appell. Kein Hashtag. Nur ein Satz: Wenn das nicht möglich ist, dann ist es vielleicht besser, gar nicht mehr teilzunehmen.

Die Reaktionen waren zahlreich. Einige spotteten. Andere lobten den Mut. Viele wiesen auf die Unmöglichkeit hin, auf die Komplexität globaler Lieferketten. Wieder andere erklärten ausführlich, warum persönlicher Verzicht nichts ändere.

Dann verlor sich der Thread. Neue Empörungen kamen. Neue Skandale. Neue Trends.

Die Ermittlungen wurden eingestellt. Kein Fremdverschulden. Kein strafrechtlich relevanter Tatbestand. Der Tod war die Folge einer Entscheidung, hieß es.

In der Abschlussakte stand: Eigenverantwortliches Handeln mit tödlichem Ausgang.

Die Presse griff den Fall kurz auf. Eine Randnotiz. Ein extremes Beispiel. Ein Einzelfall. Man dürfe moralische Reinheit nicht über das Leben stellen, schrieb ein Kommentar.

Am Rand der Brachwiese wuchs im Frühjahr Gras. Die Absperrbänder waren längst entfernt. Der Ort war wieder das, was er vorher gewesen war: eine Leerstelle.

Niemand sprach mehr darüber.

Und doch hatte niemand die Person getötet.

Das hatte die Gesellschaft selbst erledigt — durch Bedingungen, unter denen konsequentes moralisches Handeln nicht vorgesehen ist, sondern aussortiert wird.

Nicht durch Gewalt.

Sondern durch Logik.

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