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Der politische Strohhalm

 

Der politische Strohhalm

Man erkennt politische Hilflosigkeit zuverlässig daran, worüber leidenschaftlich gestritten wird.
Nicht über Vermögenskonzentration. Nicht über Bodenpreise. Nicht über Lieferkettenmacht, Steuervermeidung oder die schleichende Privatisierung öffentlicher Infrastruktur. Sondern über Dinge, die man anfassen kann.

Plastikstrohhalme.
Sojamilch.
Vegane Wurst.
Feste Flaschendeckel.

Letztere gelten aktuell als Freiheitsberaubung. Ein Stück Kunststoff wird zum Symbol staatlicher Übergriffigkeit erklärt. Nicht, weil es tatsächlich relevant wäre, sondern weil es sichtbar ist. Man kann daran ziehen, drehen, reißen – und sich dabei als Opfer fühlen.

Diese Debatten sind keine Zufälle. Sie sind politisch funktional.

Denn während über Flaschendeckel gestritten wird, bleibt unberührt, wer über Produktionsbedingungen entscheidet. Während man sich über Gendersternchen empört, fragt niemand, warum ganze Berufsgruppen kaum noch von ihrer Arbeit leben können. Während Grenzkontrollen „Härte“ signalisieren, ändert sich an globalen Fluchtursachen exakt nichts.

Trivialitäten haben einen unschlagbaren Vorteil:
Sie erzeugen Erregung ohne Konsequenzen.

Man kann sich empören, ohne jemandem weh zu tun, der tatsächlich Macht besitzt. Man kann Haltung zeigen, ohne Strukturen anzufassen. Man kann Politik simulieren, ohne Politik zu machen.

Besonders perfide ist dabei die Individualisierung:
Du sollst entscheiden, ob du Hafermilch trinkst.
Du sollst dich moralisch korrekt verhalten.
Du sollst „bewusst konsumieren“.

Das System selbst bleibt unangetastet. Es delegiert Verantwortung nach unten und kassiert oben weiter Gewinne.

Und wenn jemand diese Logik konsequent zu Ende denkt – nicht mehr mitmacht, sich entzieht, den Boykott ernst meint –, dann gilt das plötzlich als überzogen. Als lebensfremd. Als moralische Reinheit, die man „nicht über das Leben stellen dürfe“.

Die Wahrheit ist unbequemer:
Unser gesellschaftliches System ist so gebaut, dass konsequentes moralisches Handeln nicht vorgesehen ist. Wer es versucht, fällt heraus. Nicht durch Gewalt, sondern durch Normalität.

Der Flaschendeckel ist nicht das Problem.
Er ist das perfekte Ablenkungsobjekt.

Solange wir darüber reden, müssen wir nicht darüber reden, wem diese Gesellschaft eigentlich dient.

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