Rheinisch als Zukunftsmodell gendergerechter Sprache
Wie Dialekt Gleichberechtigung erreicht, ohne zu gendern
Es gibt Debatten, die nur Verlierer kennen.
Das Gendern gehört dazu. Während die einen mit moralischer Inbrunst kämpfen, als ginge es um die letzte Bastion des Patriarchats, verteidigen die anderen die deutsche Grammatik, als sei sie ein Naturgesetz und kein historisch gewachsenes Räderwerk. Und dazwischen sitzt eine schweigende Mehrheit, die sich fragt, ob wir sonst keine Sorgen haben.
Die eigentliche Tragik:
Beide Seiten diskutieren am Problem vorbei.
Denn die Frage lautet nicht:
Sollen wir gendern?
Sondern:
Wie kann Sprache Gleichwertigkeit ausdrücken, ohne das ästhetische und grammatische Fundament zu zerstören – und ohne den moralischen Zeigefinger?
Das grammatische Dilemma
Anders als im Englischen, wo „the“ Person, Ding und Funktion gleichermaßen bezeichnet, trägt das Deutsche sein Geschlecht bereits im Artikel und in der Flexion. „Der Arzt“ und „die Ärztin“ sind nicht einfach Wörter – sie transportieren eine jahrhundertealte Struktur. Diese Struktur steht quer zur Idee einer genderneutralen Sprache.
Deshalb wirken kosmetische Reparaturen wie:
-
Lehrer*innen,
-
Lehrer:innen,
-
Lehrer_innen,
-
LehrerInnen,
-
Lehrer*…
… wie hastig geflickte Schlaglöcher.
Sie helfen niemandem wirklich — außer Softwarefirmen für Text-to-Speech.
Der Denkfehler
Gendern versucht, sichtbar zu machen, was gesellschaftlich zu lange unsichtbar war. Das ist richtig und wichtig. Aber die gewählten Lösungen verletzen oft die Grammatik oder erzeugen klangliches Stolpern. Sie passen nicht zu dem, was Sprache eigentlich tut: fließen.
Wer Gleichwertigkeit wirklich will, muss Sprache eleganter machen – nicht sperriger.
Und dann: Rheinland
Während die Republik über Sternchen und Doppelpunkt tobt, sitzt man in Köln, Bonn oder Aachen bei einem Kölsch und löst das Problem, ohne darüber zu reden:
De Briefträjer wor da, kannze de Post erenholle.
„De Briefträger war da, kannst du die Post reinholen.“
De. Ein einziger Artikel,
der der, die und das ersetzt.
Neutral – im Singular wie im Plural.
-
de Lehrer
-
de Marie
-
de Kinner
-
de Studente
-
de Ärzde
Und niemand schreit, niemand kämpft, niemand erklärt sich moralisch überlegen.
Es funktioniert einfach.
Was Rheinisch vormacht
Dialekt macht Sprache nicht komplizierter, sondern einfacher.
Er löst das Genderproblem, indem er die Markierung abbaut, statt neue zu schaffen.
Statt Differenz hervorzuheben, schafft er Gleichheit durch Unmarkiertheit.
Während Standarddeutsch versucht, jede Identität einzeln sichtbar zu machen, sagt das Rheinland:
„Alle sind Menschen, fertig.“
Und das klingt nicht nach Ideologie,
sondern nach Alltagsintelligenz.
Die eigentliche Pointe
Sprachwandel gelingt nie durch Paragrafen, sondern durch Gebrauch.
Er passiert nicht in Parlamenten, sondern an der Bäckertheke.
Das Englische ist geschlechtsneutral, weil es historisch nie Genusflexion hatte.
Das Deutsche könnte neutral werden, wenn es dem folgt, was Dialekte längst tun:
Artikel neutralisieren.
Ein einziger Artikel löst das Problem eleganter als 17 Sonderzeichen.
Vielleicht wird das Hochdeutsch der Zukunft so klingen:
De Schauspieler han hück met de Regie övver de Ensemble jelabert.
Und eines Tages wird man zurückblicken und sagen:
„Worum ging’s damals eigentlich in dieser Genderdebatte?“
Fazit
Gleichwertigkeit entsteht nicht durch sprachliche Komplexität,
sondern durch gemeinsame sprachliche Räume.
Dialekte bauen solche Räume,
weil sie nah, menschlich, unideologisch und musikalisch sind.
Vielleicht sollten wir also nicht kämpfen, sondern zuhören.
Vielleicht liegt die Zukunft der deutschen Sprache nicht in Erlassen,
sondern in der Kneipe.
Prost auf de Sprache, die verbindet.
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